Teil 1 & Teil 3

Zwei Tage später frage ich mich, wann das aufhört. Ich kenne diese Phasen, in denen ich mich einsperren möchte, einfach mal alles rausheulen, meistens hat das mit irgendwelchen Männern zutun. Ich liege dann dort, mit einem Ziehen in der Brust, wohlwissend, dass der Liebeskummer bald vorbei geht. In diesen Zeiten suhle ich mich gerne in meinem Selbstmitleid, es muss eben einfach mal alles raus – da ist irgendwie ein Ende in Sicht. Aber gerade jetzt, wie ich hier liegen in einem Meer aus vollgerotzten Klopapierfetzen wünsche ich mir, dass es aufhört – aber weiß einfach nicht wie es aufhören soll. Ich möchte mich nicht ablenken mit Parties und guten Freunden, ich habe meine Beste immer noch nicht angerufen. Ich liege einfach nur da, wie gelähmt, so wie es ein absoluter Versager eben tut. Ich würde meine Gedanken gerne ausschimpfen, was ihnen einfällt, solche gemeinen Dinge zu mir zu sagen. Aber während das Gute in mir leise flüstert: „Du bist doch jemand!“ übertönt das Schlechte die aufbauenden Worte mit einem ohrenbetäubenden: „Du – hast – versagt.“

Vor meinem Fenster maunzt es. Ich hieve mich aus meinem Bett, kompensiere den kurzen Schwindelanfall durch tiefes Durchatmen und öffne mein Rollo einen Spalt weit, um Sherry reinzulassen. Ich setze mich an den Rand meines Bettes und sie springt mir auf den Schoß, ihr Fell ist ganz heiß von der Sonne, und ich grabe mein Gesicht in ihren Bauch. Wie gut du riechst. Ihr vibrierender Körper übertönt kurz die Stimmen in meinem Kopf, und als sie ihre Schnauze fest an meiner Hand reibt spüre ich, wie sich mein Herz ganz kurz erwärmt – und ich greife zum ersten Mal wieder nach meinem Handy. Dieses Gefühl muss ich ausnutzen. Ich wähle Chrissys Nummer, und die Freude in ihrer Stimme von mir zu hören lässt den Engel links kurz lauter sprechen: „Siehst du, du bist jemand. Nämlich jemand, den man gern hat.“

Ein paar Stunden später sitzen wir gemeinsam in meiner Küche, einem Ort, an dem wir schon all zu oft die besten Gespräche führten. Und ich kotze endlich. Ich kotze mich komplett aus. Ich kotze über mein Versagen und diese verdammte Bloggerwelt, bis ich irgendwann selbst anfange, zu verstehen.

Ich verrate euch nun etwas, was euch vielleicht schockieren wird. Vor meiner Internet-Auszeit saß ich einen Abend lang an meinem Computer und habe mir ernsthaft überlegt, ob es nicht doch mal an der Zeit wäre, Instagram-Follower zu kaufen. Der Gedanke widerte mich einerseits so unfassbar an – und andererseits hatte ich das Gefühl, ich könnte mich in der Bloggerwelt nicht mehr behaupten, wenn ich nicht endlich auf diesen rosaroten Fake-Zug aufspringen würde. Wenn ich nicht endlich anfange meine Moralvorstellungen hinter mir zu lassen. Ich erwische mich in letzter Zeit immer öfter dabei, wie ich mir Blogs von anderen Mädchen angucke, die aus dem Boden geschossen kommen und von einem Tag auf den Anderen an die 20k Instagram-Follower auf dem Konto haben und in ihre Mediakits schreiben, sie würden im Monat locker 30k Leser erreichen. Eine große Zahl, die nicht mal ich nach über 6 Jahren bloggerei „zustande“ bringe. Und genau das brachte mich ins Zweifeln. Bin ich nicht gut genug? Blogge ich nicht genug? Bin ich vielleicht einfach nicht schön genug für diese Welt, kann ich mich nicht gut genug verkaufen? Muss ich noch mehr machen, darf ich nur noch das schreiben, was die Agenturen lesen möchten?

Und irgendwann, als ich ein paar dieser ganzen neuen Super-Blogs mal durch similarweb.com und Alexa jagte verstand ich die Welt nicht mehr. Bloggerin XY, die in ihrem Mediakit an die 30k verzeichnet und 700€ für einen Post verlangt – ist laut dieser Traffic-Seite bei nicht einmal mehr 500 Besuchern im Monat. Fünfhundert statt dreißigtausend. Auch bei mir zeigt diese Seite eine kleinere Zahl an als mein analytics, aber hier fehlen nur ein paar Tausend. Ich fing an, andere Blogs zu checken. Bei vielen mir bekannten Bloggern stimmen die Ergebnisse – großer Blog, viele Kommentare, richtiges Ergebnis. Und all diese neuen, plötzlich ach-so-großen Blogger? Kaum Kommentare aber über ein drittel mehr Leser als ich? Offensichtlich alles fake. Oder ist es nicht seltsam, dass ich mit meinen 7k Followern genau so viele Likes auf ein Bild bekomme wie BloggerinXY mit 20k? Ich saß mit offenem Mund vor meinem Computer und fragte mich immer wieder, was die Scheisse soll. Man kann doch nicht einen Sponsored Post-Auftrag annehmen, dafür 700€ verlangen und dem Kunden erzählen, dass man damit tausende von Lesern erreicht – wenn es in Wirklichkeit nur an die hundert sind? Ist das nicht Betrug?

Warum zur Hölle denke ich seit Wochen nur noch in Followerzahlen – warum drückt das so auf meine Stimmung? Sollte es nicht um die Leser gehen, um die Kommentare, und nicht ständig nur um Zahlen, Zahlen, Zahlen? Ich erinnere mich an früher. Als ich nicht ständig google analytics checkte – sondern einfach schrieb. Weil ich Freude daran hatte, weil ich mich nicht jeden Tag wieder selber unter Druck setzen musste. Aber du musst mehr machen, wenn du weiterhin davon Leben willst. Von da an postete ich an die sechs mal die Woche.

Ich saß jeden Tag vor meinem Laptop und dachte mir neue Geschichten aus, versuchte stets einen Mehrwert zu bieten und stecket so, so viel Liebe in meine Posts. Eben weil ich es liebte. Ich hatte mich damals dazu entschlossen, hauptberuflich zu Bloggen weil es für mich eigentlich nichts schöneres gab. Letztes Jahr klappte noch alles ganz wunderbar, ich verdiente genug und konnte sogar ein bisschen was zurücklegen. Seit ein paar Monaten geht es bergab – und ich griff auf meine Rücklagen zurück. Das wird schon wieder, dachte ich mir. Die Leser wurden mehr – aber die Aufträge gingen zurück. Wieso sollte sich ein Kunde auch für mich entscheiden, wenn Bloggerin XY doch angeblich eine viel größere Community hat?
Und dann saß ich also da. Und überlegte ernsthaft, ob ich mir Follower kaufen sollte. Damit auch meine Zahlen größer sind und ich wieder vom Bloggen leben kann. Damit ich weiterhin von dem leben kann, was ich am Liebsten tue. Ich tat es nicht, für den Moment, aber behielt es im Hinterkopf.

Ich sage nicht, dass die frisierten zahlen der Anderen der einzige Grund sind. Ich möchte nicht nur den Anderen die Schuld geben. Viel mehr hatte ich das Gefühl, durch den Druck immer weniger ich selbst zu werden und immer mehr zu dem, was die Leute in meinen Augen doch lesen wollten. Ich suchte jeden Tag wieder nach Fehlern bei mir selbst und verglich mich mit Anderen. Das hast du nicht, so musst du es auch machen. Und irgendwie blieb ich dabei selbst auf der Strecke – und dadurch auch mein Blog.

„Weißt du, Angela“, sagt Chrissy zu mir, „ich würde es dir nie vorenthalten, wenn du dir jetzt Follower kaufst. Aber ich kenne dich und ich bin mir sicher, dass du damit auch nicht glücklich wirst.“

Und sie hat recht. Meine Mama hat mir beigebracht, dass man nicht lügt. Ich kann nicht lügen, nichtmal ein kleines bisschen. In diesem Moment beschließe ich, dass ich einen Teufel tun werde und irgendwas an meinem Blog zu faken. Auch wenn das bedeutet, dass ich in Zukunft nicht mehr hauptberuflich bloggen kann.

Nach der gefühlt hundertsten Zigarette beschließe ich, Urlaub zu machen. So richtig. Eine Woche lang keine Posts, das gab es seit vier Jahren nicht. Ich beschloss, diese Zeit zu nutzen und mir Gedanken darüber zu machen, wer ich bin, wo ich hinmöchte und wie es hier weitergehen soll.

Chrissy bleibt über Nacht, ich werfe all die Klopaier-Reste in den Müll und atme zum ersten mal wieder richtig durch.

Ich bin jemand. Ich muss nur endlich wieder Ich sein.

 

Hier geht’s zu Teil 3.

 


 

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