Still not asking for it

Still not asking for it

Triggerwarnung gesetzt


 

„Dann hättest du halt nicht so viel trinken sollen. Und erst recht nicht mit den beiden heimgehen.“ Das war die erste und einzige Antwort, die Lena jemals bekam, als sie ihrer Freundin erzählte, dass zwei Männer mit ihr sex hatten, ohne, dass sie es wollte. Sie erinnerte sich an nicht viel, nur, dass sie aufwachte und Schmerzen hatte. Die Aussage ihrer Freundin blieb die Einzige, weil sie es nie wieder irgendjemandem erzähle. Weil ihre Freundin ja recht hatte – sie war so betrunken, dass sie nicht mehr wusste, wo sie war und was sie tat. Und dass sie mit den beiden Heim ist, naja, man weiß doch, dass man das nur tut, wenn man auch sex möchte. Dabei weiß sie nicht mal mehr, wann und wie sie dort gelandet war. Nur, dass sie im Club mit dem einen ein bisschen flirtete. Niemals hätte sie mit auch nur einem von beiden im nüchternen Zustand geschlafen, das wusste sie ab dem Zeitpunkt, als sie in diesem fremden Bett aufwachte. Erinnerungsfetzen von Händen an ihrem nackten Körper und höllische Schmerzen waren alles, was die beiden zurückließen. Ganz dunkel, irgendwo im Hinterkopf, hörte sie sich noch „Nein“ sagen. Aber nichtmal sie selbst konnte es deutlich wahrnehmen. Wie konnte sie nur so dumm sein. In was hatte sie sich da nur reingeritten. Lena ist sechzehn.

 

„Ich hab’s dir doch gesagt“, würde ihre Mama sagen. Sie würde sagen, Nadja, du bist selbst Schuld, wenn du immer diese kurzen Röcke tragen musst, wenn du ausgehst. Das sei ja quasi eine Aufforderung. Hätte sie nur mal auf ihre Mutter gehört, dann hätte sie dieser Typ auf dem Heimweg sicher nicht verfolgt. Dann hätte sie jetzt nicht das Gefühl, ihr ganzer Körper würde kotzen. Dann währe sie jetzt vielleicht nicht gezeichnet auf ewig, dann würde sie sich vielleicht irgendwann wieder verlieben können. Oder einem Mann vertrauen. Wäre der Rock nur länger gewesen und die Schuhe nicht ganz so hoch. Nadja ist zwanzig.

 

„Du hattest doch schon vorher mit ihr sex, als ob das jetzt irgendwas mit einer Vergewaltigung zutun hätte. Du bist doch ’n Kerl.“ Und Männer werden nicht „vergewaltigt“, Männer können sich doch wehren. Er war ja sogar mal mit ihr zusammen und irgendwann wollte er das alles auch. Aber als er seine Sachen holen wollte, sagte sie, er würde seine Tochter nie wieder zu Gesicht bekomme, wenn er nicht… Also tat er es. Und als er es seinem besten Freund erzählte, sagte der nur, er soll mal seinen Mann stehen. Ein Kerl sagt doch niemals „Nein“ zu Sex, ein Mann kann sich doch wehren, für einen Typ fühlt sich eine weibliche Berührung doch niemals falsch an. Also behielt er es in Zukunft für sich, wenn er seine Exfreundin wieder besuchte. Daniel ist vierundzwanzig.

line Still not asking for it - gegen victim blaming

Wir leben in einer Welt, in der man seinen Kindern erzählt, dass große Jungs nicht weinen und man als Mädchen eigentlich immer davon ausgehen kann, dass Männer schlechte Intentionen haben. Lena denkt, sie sei selbst Schuld, weil sie sich dazu entschlossen hat, einen über den Durst zu trinken. Und auch, wenn Lena fiktiv ist und „nur“ für all die Mädchen steht, die ebenso denken wie sie, die eben das gleiche erlebt haben, möchte ich sie gerne schütteln. Ich würde gerne ihre Hand nehmen und ihr sagen, dass es niemals, unter keinen Umständen, die Schuld des Opfers ist, wenn eine solche Tat begangen wird. Nicht das Mädchen sollte weniger trinken, nicht der Rock müsste länger sein, sondern der Mann sollte ganz einfach darauf verzichten, eine verdammte Straftat zu begehen. Ein Stück nackte Haut gibt nicht Erlaubnis, diese zu berühren. Auch flirten heißt nicht, dass man angefasst werden möchte. „Falsche Signale“ rechtfertigen keine Vergewaltigung. Niemals.

Ein paar der Kommentare unter meinem letzten Sonntagspost haben mich sehr aufgewühlt. Nicht nur mich, auch meine Freundin, die mit dabei war, und sich schon einmal Sätze wie „dann hättest du halt nicht so viel trinken sollen“ anhören musste. Und nur deswegen alles in sich reingefressen hatte und seit Jahren damit lebt. Eben solche Aussagen sind der Grund, warum Opfer wieder zurückgeworfen werden, warum sie nicht darüber sprechen, warum einige sexuelle Übergriffe letztendlich immer wieder „okay“ sein werden. Und leider ist dieser Gedankengang nicht ungewöhnlich. Man soll als Frau nicht alleine im Dunkeln nach Hause gehen, man soll sich nicht anziehen „wie eine Nutte“, denn sonst wird man auch als „solche behandelt“ (und warum gibt es offensichtlich eine bestimmte Art und Weise, eine Frau zu behandeln, die von Prostitution lebt?). Diese Gedanken, sie sind in unsere Köpfe eingemeiselt worden, von klein auf. Warum sagt man einem Mädchen lieber, wie es sich zu kleinen hat, als seinen Kindern beizubringen, niemals jemanden zu berühren, wenn dieser es nicht möchte? Warum erzählen wir nicht, dass nackte Haut keine Erlaubnis ist? Ich kann all diese falschen victim-blaming Gedanken durchaus nachvollziehen. Nachvollziehen, weil ich verstehe, wo sie herkommen – und eben da müssen wir ansetzen. Ich wünsche mir so sehr ein neues Bewusstsein. Ich wünsche mir, dass ein Mann, wenn er die Hand auf einen Oberschenkel legt, fragt, ob es in Ordnung ist. Ich wünsche mir, dass es niemals ausgenutzt wird, wenn ein Anderer nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Denn ja, am Betrunkenheitszustand ist das Opfer vielleicht selbst schuld – aber niemals, dass eben dieser ausgenutzt wird.

Meine Freundin und ich, wir haben damals einen netten jungen Mann kennengelernt. Wir beide versuchen mit so wenig Vorurteilen wie nur möglich durch’s Leben zu gehen, und genau deshalb würde ich niemals davon ausgehen, dass jeder Mann auf dieser Welt ein Sexmonster ist. Wir haben eben noch Vertrauen in die Menschheit. Und dieses Vertrauen ist etwas großartiges, und wenn es ausgenutzt wird, sind nicht wir daran schuld. Und selbst wenn wir beide heftig mit diesem Jemand geflirtet hätten, wäre es immer noch okay gewesen, „Nein“ zu sagen. Und ein „Nein“ hätte auch akzeptiert werden müssen. Ein „Nein“ muss immer akzeptiert werden.

Marie hat es mit ihren Kommentaren auf den Punkt gebracht: „Es ist egal, ob er nett sein wollte und Zärtlichkeiten austauschen wollte, oder ob er böse ist und geplant hat, Gewalt anzuwenden. Er hat sich für seine Handlung keine Zustimmung geholt. Und weder Angela, noch ihre Freundin, haben diese gegeben. (Denn, Überraschung, zu jemandem nach Hause zu gehen ist keine Einwilligung, mit dieser Person Sex zu haben!) […] Das Ganze ist victim blaming. Das ist nicht in Ordnung. Ich finde das Ganze auch ziemlich unfair Männern gegenüber, meint ihr nicht? Männer sind keine triebgesteuerten Wesen, die ihr Verhalten nicht kontrollieren können.“

Ich bitte diejenigen von euch, die nach diesem Post immer noch denken, ein Opfer sexueller Übergriffe sei in irgendeiner Weise selbst schuld an ihrer Misere: Fragt euch, woher dieser Gedanke kommt. Versucht über die dicke fette Mauer zu blicken, die diese Gesellschaft vor euren Augen errichtet hat und vor allem: Seid euch bewusst, was ihr damit anrichtet. Denn am Ende seid ihr der Grund, warum ein Vergewaltiger nicht hinter Gittern sitzt. Weil eine vierzehnjährige denkt, die Wimperntusche in ihrem Gesicht sei Schuld daran gewesen, dass sie ihrer Kindheit beraubt worden ist.

Ganz egal, ob du ein Mädchen bist, ein Junge, eine Frau oder ein Mann – nichts was du tust, anziehst oder konsumierst rechtfertigt einen sexuellen Übergriff. Sprich darüber! Und wenn dein Gegenüber es wagt, dich zu beschuldigen – gib nicht auf. Sprich mit jemand anderem, es gibt so viele Menschen da draußen, die dich verstehen werden und hinter dir stehen. So wie ich.

#stillnotaskingforit

Still not asking for it - gegen victim blaming!

 


 

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