#MyVeganStory – Wie alles begann

#MyVeganStory – Wie alles begann

„Schon verrückt, wie du so geworden bist. Früher war für dich eine Mahlzeit ohne Fleisch keine richtige Malzeit“, sagt meine Mutter, und ich nicke zustimmend. So war das wirklich, ich erinnere mich noch sehr gut daran. In der Schule aß ich jede Mittagspause eine Leberkassemmel (so sagt man das in Bayern) mit Mittelscharfen und süßen Senf. Als Kind organisierte meine Mutter zu meinem Geburtstag immer ein „Räuberessen“, da gab es Spaghetti Bolognese und kein Kind durfte Gabel, Löffel oder eine Serviette benutzen. Spaghetti Bolognese war mein absolutes Lieblingsgericht. Während andere sich beim Italiener immer Pizza bestellten, gab es für mich niemals etwas anderes als Bolognese. Ich liebte Fleischpflanzer’l (Bouletten? Laibchen?), Schinkennudeln, Schnitzelsemmel und alles mit Hühnchen. Paprika-Sahne-Schnitzel. Rührei mit Speck. Hühnerbrühe. Vollmilchschokolade! Und mit Käse überbacken schmeckte alles nochmal besser. Tierische Produkte, ganz egal ob nun Fleisch, Eier oder Milch waren meine Hauptnahrungsmittel, es gab nichts was besser schmeckte und nichts, was all das hätte ersetzen können. Vor einiger Zeit habe ich euch erzählt, dass ich in Zukunft auch auf Leder verzichten möchte – und im gleichen Zuge fragte ich euch, ob euch meine Vegan-Geschichte interessieren würde. Wisst ihr, eine Zeit lang glaubte ich, dass sich niemand für all das interessieren würde. Dass dieser Wandel, den ich momentan erlebe, nur in mir selbst passiert und die Außenwelt sicherlich nichts damit anfangen kann – aber ich glaube ich habe mich ziemlich getäuscht. Ich glaube fest daran, dass sich momentan alles langsam aber sicher in eine.. bewusstere Richtung entwickelt. Und ich möchte in Zukunft mehr darüber schreiben. Letztendlich heißt das für mich ja nur, dass ich hier noch mehr ich selbst sein kann. Für mich fühlt es sich einfach richtig an, und das ist momentan alles, was zählt. Was man mit dem Herzen tut, kann nämlich nur gut werden. Und genau deshalb möchte ich euch gerne die Geschichte erzählen, wieso ich so lebe, wie ich lebe und wieso ich so esse, wie ich esse.

Von Tierliebe und Teenager-Trotz

Ich hatte schon immer eine außergewöhnliche, besondere Bindung zu Tieren. Ich fand kein Tier ekelhaft, hatte keine Angst vor Spinnen oder Wespen und war immer sofort abgelenkt, wenn ich etwas flauschiges erspähte. Sherrys Katzenbabys waren mein Ein und Alles, irgendwann einmal wollte ich sogar ein Hausschwein, oder zumindest eine Ente und ein Huhn wie Chandler und Joey. Ich wusste ganz genau, dass ich niemals in der Lage sein würde ein Tier zu töten, und ganz oft, wenn ich mir beim Essen bewusst machte was ich da gerade aß, fühlte es sich falsch an. Totes Tier essen aber ihm nicht beim Sterben zusehen können? Trotzdem aber konnte ich mir niemals vorstellen auf Fleisch zu verzichten, es schmeckte einfach zu gut. Letztendlich glaube ich sogar, dass meine Liebe zu den Tieren damals nicht gereicht hätte. Heute ja, früher als Teenager nicht. Wenn ich heute ganz ehrlich zu mir selbst bin, dann habe ich den Schritt zum Vegetarier nicht einzig und allein aus Tierliebe getan – sondern ein Stück weit auch, um der Masse zu trotzen und gleichzeitig der Szene gerecht zu werden. Vegetarier sein war zu dieser Zeit zwar noch etwas Neues, aber im Vormarsch, und gerade in der Hardcore-Straight-Edge-Szene war es schlichtweg cool. Nun hatte ich also schon zwei gute Gründe auf Fleisch zu verzichten: Weil ich Tiere liebte – und weil es etwas besonderes, fast schon rebellisches war. Meine Freundin Chrissy war die erste Vegetarierin, die ich kannte. Wir führten schon immer eine Art Fernbeziehung, und wenn sie mich besuchen kam, dann blieb sie meistens gleich eine ganze Woche. Chrissy war in allem ein bisschen extremer als ich – Post-Hardcore war damals meine Musik, Chrissy liebte Death Metal und den richtig krassen, fiesen Hardcore, ganz ohne Emo-Boys und Singsang. Sie war lauter als ich, schlug öfter über die Strenge, die Haare waren blonder – und sogar in Sachen Ernährung war sie radikaler als Andere. Damals, so um 2008/2009 rum, war das noch etwas ziemlich seltenes. Wenn Chrissy mich besuchen kam wurde der Speiseplan also umgestellt – sogar meine Mutter nahm Rücksicht darauf und kochte extra vegetarisch. Und so beschloss ich, nachdem ich dank Chrissy mal wieder eine Woche vegetarisch gegessen hatte, doch einfach weiterhin kein Fleisch zu essen. Ich war allerdings zu feige, es bereits nach Außen zu kommunizieren. Es hätte ja sein können, dass ich doch noch einen Rückzieher mache und ich mir dann die Blöße geben müsste es nicht geschafft zu haben – also behielt ich es für mich und kaufte mir schweren Herzens die olle Käsesemmel in der großen Pause. Ich hasste die Käsesemmel.

Vegetarier auf Zeit

Meinen Eltern aber konnte ich es nicht verheimlichen. Immerhin wohnte ich noch Zuhause und meine Mutti war eine gar grandiose Köchin. Ein bisschen tat es mir leid, ihr sagen zu müssen, dass ich weder Fleischpflanzer’l noch Bolognese in Zukunft essen würde – aber letztendlich dachten meine Eltern sowieso, dass das „nur so eine Phase“ sei. Und ehrlich gesagt dachte ich selbst auch, dass das „nur so eine Phase“ sei. Ich konnte Fleisch nicht einfach so komplett aus meinem Gedächtnis streichen und nahm mir deshalb vor, mal „ein paar Jahre vegetarisch zu leben“. Zu wissen, dass ich nicht „für immer“ darauf verzichten würde, dass ich irgendwann mal wieder Mamas Bolognese essen würde, machte mir die Sache sehr viel leichter. Es war ja nicht für immer.

Aber wisst ihr, was mich letztendlich am meisten bestärkt hat in meinem Vorhaben? Was mich dazu brachte, all das ganz bestimmt nicht aufzugeben in näherer Zukunft? Die Reaktionen und Kommentare der Leute um mich herum.

Für mich, in meinem Kopf, war die Entscheidung vegetarisch zu leben die einzig Richtige. Ich wusste, dass es richtig ist, keine Tiere zu essen und Massentierhaltung nicht zu unterstützen, ich wusste, was der übermäßige Fleischkonsum mit unserer Umwelt anstellte – und ich persönlich bewunderte jeden, der vegetarisch oder sogar vegan lebte. Auf etwas so leckeres wie Fleisch zu verzichten zeugt meiner Meinung nach von großer Stärke, von Willenskraft und Durchhaltevermögen. Mir wäre niemals in den Sinn gekommen, jemanden dafür zu verurteilen – umso schockierter war ich über die Reaktionen meiner Umwelt. Niemals wurde es einfach so hingenommen und akzeptiert. Wann immer ich davon erzählen musste („musste“, weil entweder danach gefragt wurde oder ich mich erklären musste, wenn ich auf der Speisekarte nichts fand) wertete mein Gegenüber es als Angriff. „Weißt du, ich versuche, kein Fleisch mehr zu essen.“ „Was soll denn der Blödsinn? Tun dir die Tiere leid oder wie? 

Darf ich vor dir jetzt kein totes Tier mehr essen?“

Mich verwirrte das. Ich wollte doch niemandem sein Essen schlecht machen. Ich hatte doch selber 19 Jahre meines Lebens Fleisch gegessen, da verurteile ich doch niemanden, der es tut. Wieso aber werde ich dafür verurteilt, wieso wird mir mein Essen schlecht geredet? Wie oft ich mir sowas anhören musste. Wie oft ich mir gewünscht hätte, ich könnte mir bitte einfach meinen Salat bestellen ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen, warum da kein Hühnchen drauf ist. Wisst ihr, ich bin absolut diskussionsresistent. Ich hasse Diskussionen – und eben deswegen habe ich immer versucht, meinen Vegetarismus einfach niemals zum Thema zu machen. Ich versuchte so ein bisschen der heimliche Vegetarier zu sein – einfach nur, um mein Essen genießen zu können, ohne, dass jemand mich dafür fertig machte. Ich dachte Anfangs also, ich könnte Freunden und Familie von diesem Schritt erzählen – denn wie gesagt, für mein Verständnis gab es nichts Falsches daran, auf Fleisch zu verzichten – aber weit gefehlt. Niemand hatte ehrliches Interesse an diesem Schritt, niemand nahm mich ernst und so etwas wie Akzeptanz erfuhr ich schon gleich gar nicht. Alles, was ich bekam, waren dumme Sprüche, wann immer ich nur in Ruhe etwas essen wollte. Und genau deshalb kam es für mich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr in Frage aufzugeben. Dieses völlige Unverständnis brachte mich dazu, es meinem Umfeld erst recht beweisen zu wollen. Oh, und nicht zu vergessen: Irgendwann fand ich außerdem heraus, dass die coole, vegane Scene-Queen, die ich immer bewunderte, sich „unter Freunden“ sehr wohl einen Burger reinfraß. Von wegen Wertvorstellungen – alles nur Schein. Ich wollte niemals so heuchlerisch sein, ich wollte mir selbst niemals etwas vormachen.

 

 

Ich war so oft schrecklich frustriert und sauer. Ich war sauer auf mein Umfeld, dass es mich nicht in Ruhe ließ. Ich war sauer auf die Medien, die alle Vegetarier als hetzende Missionare darstellte. Ich war sauer auf eben diese missionierenden Veganer und Vegetarier, die dachten, es würde irgendwas bringen mit Hass gegen den Fleischkonsum vorzugehen. Es war ein Teufelskreis. Es gab so viele Vegetarier und Veganer da Draußen, die sich tatsächlich bei Tisch über das Essen ihres Gegenüber auslassen mussten – und deshalb ließ man sich jetzt auch an mir aus. Nur deshalb gibt es dieses negative, nervige Bild eines Vegetariers, nur deshalb wurde ich als solcher gesehen und ebenso behandelt. Gott sei Dank aber war ich noch niemals jemand, der Feuer mit Feuer bekämpfte. Ich wusste schon als Teenager, dass man mit Hass und Wut nicht weit kommt, dass man eher sogar das Gegenteil heraufbeschwört. War es bei mir nich genau so? Die Ablehnung der Anderen brachte mich dazu, erst recht nicht aufzugeben. Wieso sollte also jemand, der Fleisch isst, zum Vegetarier werden, wenn man ihm sein Essen schlecht macht? Wenn ich also wirklich der Meinung war, dass das, was ich tat, „richtig“ war – so durfte ich nicht denken, dass jemand, der Fleisch isst, etwas „falsch“ macht. Denn im Prinzip gibt es hier kein Richtig oder Falsch. Nur, weil jemand anders lebt als ich, macht ihn das nicht zu einem schlechteren Menschen. Es stellt ihn nicht unter mich. Egal, wie wütend und frustriert ich manchmal auch war, ich behielt es für mich. Und manchmal wünschte ich mir, die Leuten würden ihre Meinung über mein Essverhalten auch einfach für sich behalten.

(Weiter zu Teil 2)

 


 

Mich würde Deine Geschichte interessieren. Ganz egal, ob du sie hier als Kommentar erzählst, auf deinem eigenen Blog oder oder auf Instagram/Facebook unter #myveganstory. Her damit! Und lasst euch bitte nicht von dem Hashtag abschrecken – natürlich ist auch jeder Vegetarier willkommen, seine Story zu erzählen. :)

 


 

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