Sorgensinnlos

Sorgensinnlos

Der längste Blogpost, den ich jemals geschrieben habe, aber ich konnte ihn nicht kürzen. Deshalb habe ich ihn zusätzlich auch wieder vorgelesen. :)

Wenn ich als Kind auf das Klettergerüst im Garten gestiegen bin, stand mein Vater stets daneben, zuckend bei jeder schnellen Bewegung, weil er fürchterliche Angst hatte, ich könnte runterfallen. Meine Eltern haben mir nie etwas verboten, mein ganzes Leben nicht, „nur den Motorradführerschein“, hat mein Vater immer gesagt, „den verbiete ich euch.“ Ich wollte sowieso nie ein Motorrad fahren, ich habe viel zu viel Angst vor Geschwindigkeit und eigentlich ist Motorradfahren doch das leichtsinnigste, was man überhaupt tun kann.

Mit elf Jahren überredete ich meine Eltern, mir auch ein Handy zu schenken. Ein Nokia 3310, weil mein Bruder, zwei Jahre älter, auch eines bekommen hatte. Ich argumentierte damit, dass ich dann immer erreichbar wäre, und mein Vater sich weniger sorgen machen müsse. Ich weiß noch genau, wie besorgt meine Eltern waren, als ich einmal nach der Schule gedankenversunken eine S-Bahnstation zu weit gefahren war und auf die nächste vierzig Minuten warten musste. Die elfjährige Tochter war nach der Schule nicht zur richtigen Uhrzeit heimgekommen war. Ich bekam das Handy.

Und auch, als ich ein Teenager wurde hatte ich alle Freiheiten die man sich nur wünschen konnte – ich durfte schon früh auf diese Dorffeste, bei Freunden übernachten, später in die Stadt zum feiern. Mein Vater sagte immer nur zu mir: „Ich möchte nur wissen, wo du bist, und dass du dein Handy dabei hast.“ Ich fühlte mich nie kontrolliert oder eingeengt, eher gut behütet. Wann immer ich das Haus verließ rief ich also ins Wohnzimmer, wo ich sein würde, und alles war gut. Meine Eltern vertrauten mir, und weil ich wirklich überall hindurfte, musste ich sie niemals anlügen.
Mein Bruder und ich feierten die krassesten Hausparties, über die unsere Nachbarn noch wochenlang sprachen, inklusive Kotzeflecken auf dem Marmor und bereits verdautem Erdbeerlimes auf der Terrasse – und mein Vater war die ganze Zeit über oben im Schlafzimmer. Macht ihr nur, dachte er sich, und wenn er Morgens ins verwüstete Wohnzimmer kam, schüttelte er nur den Kopf und vertraute einfach darauf, dass wir alles wieder so herrichteten würden, wie es davor war. Und das taten wir. Meine Eltern vertrauten mir, was Hausaufgaben anging, was die Schule anging, was meinen Umgang mit Jungs anging, eigentlich in allem. Sie redeten mir nie rein und ließen mich immer meine eigenen Erfahrungen machen. Ich kann mich nicht erinnern, meinen Eltern jemals etwas entscheidendes verheimlicht zu haben – weil ich durch dieses wunderbare Grundvertrauen auch nie etwas tun wollte, was man verheimlichen musste. Ich war auch immer jemand, der sich selbst gerne unter Kontrolle hatte, also gab es für mich auch keine extremen Alkoholexzesse – natürlich habe ich es in der ersten Alkohol-Probierphase auch mal übertrieben, jeder muss seine Grenzen austesten, glaube ich. Ich trank bestimmt oft und gerne, wie man es eben so macht wenn man jung ist, aber ich konnte immer geradeaus laufen und stand niemals rotzevoll vor meinen Eltern. Ganz oft, wenn ich Abends in die Stadt fuhr zum feiern, betonte mein Vater, dass ich ihn – egal um welche Uhrzeit – immer anrufen könne. „Mir ist es lieber, du weckst mich auf, als dass du mitten in der Nacht alleine nach Hause fahren musst“, hat er immer gesagt. Ich bin vielleicht zwei, drei mal auf dieses Angebot zurückgekommen – aber immer nur, wenn ich versehentlich die letzte S-Bahn verpasst hatte und wirklich nicht mehr weiter wusste. Und keines dieser zwei, drei male, war er sauer oder enttäuscht – er war wirklich einfach nur froh, dass ich ihn um Hilfe bat anstatt alleine durch die Nacht zu wandern. Und da er mir niemals ein schlechtes Gefühl gab, hatte ich diese Sicherheit immer im Hinterkopf – und brauchte sie deshalb nur selten. Für mich war all das selbstverständlich und erst heute merke ich, wie dankbar ich dafür bin. Egal, was passieren würde oder passieren wird, meine Eltern waren immer da und werden es immer sein.

Irgendwann merkte ich, wie ich von Menschen in meiner Umgebung, die mir am Herzen lagen, ähnlich dinge „verlangte“ wie damals mein Vater. Ich wusste eigentlich immer, was meine beste Freundin ta und ich wusste immer, wo mein Partner gerade war. Weil es mir Sicherheit gab, nicht aber, weil ich misstraute. „Ich will doch nur wissen wo du bist und dass du dein Handy anhast.“ Immer erreichbar sein und jemanden erreichen können war mir unfassbar wichtig, und irgendwann zu wichtig. Meine beste Freundin zwingt mich Nachts, wenn wir gemeinsam in einem Bett übernachteten, immer dazu, mein Handy auf lautlos zu schalten. Ich hatte es eigentlich immer auf vibrieren, aber das weckte sie auf. Jedes Mal, wenn ich den Nachtmodus betätigte, kostet es mich extrem viel Überwindung, weil ich wusste, ich bin nun nicht mehr erreichbar. Ich würde es nicht hören, wenn mich jemand anruft, der mich brauchen könnte.  Wenn etwas schlimmes passieren würde, könnte ich nicht da sein, und der Gedanken machte mich verrückt. Und jedes mal war ich wieder ein bisschen sauer, wenn sie das von mir „verlangte“.

Vor ein paar Wochen wollte ich Nachts mit einer Freundin ausgehen und hatte mit meinem Freund ausgemacht, dass wir uns Morgens dann irgendwo treffen. Er wollte woanders hin als ich, aber im gleichen Bett wollten wir auf jeden Fall schlafen. Wir schrieben den Nachmittag lang, und irgendwann ab ca. 20 Uhr erhielt ich keine Antwort mehr. Je später es wurde, desto seltsamer fand ich es, und ich konnte es mir nicht erklären. Meine Anrufe wurden nicht angenommen, meine Nachrichten nicht gelesen. Ich überlegte also, ob er vielleicht sein Handy Daheim vergessen hatte – aber selbst dann würde er sich das Telefon eines Freundes schnappen und mir kurz bescheid geben, wann und wo wir uns treffen würden. Und auch, um mich zu beruhigen, würde er mir irgendwie bescheid geben. Er weiß ja, dass ich mir eigentlich immer sorgen mache. Selbst, wenn er nur aufs Fahrrad steigt. Aber es kam nichts.

Meine Freundin und ich gingen aus, und eigentlich war mir den ganzen Abend über übel. Ich versuchte mir einzureden, dass es eine logische Erklärung dafür gab, aber ich fand einfach keine. Er war Daheim, wollte in die Stadt, dann zu mir. Handy vergessen kam nicht in Frage, und sechs Stunden nicht drauf sehen auch nicht. Mich ignorieren erst recht nicht. So sind wir nicht. Ab ca ein Uhr morgens war ich mir sicher, dass irgend etwas passiert sein musste. Und obwohl ich mir fürchterlich bescheuert vorkam, schrieb ich seiner besten Freundin – die mir aber auch nur bestätigte, dass sie seit 20 Uhr nichts mehr von ihm gehört hatte, obwohl sie sich eventuell treffen wollten. Von seiner Mitbewohnerin erfuhr ich, dass er nicht mehr Daheim war. Ja, auch ihr hatte ich eine peinlich berührte Nachricht geschrieben.

Und ab da überschlugen sich die Gedanken in meinem Kopf. Er hatte einen Unfall. Irgendwas schreckliches musste passiert sein, es gab einfach keine Erklärung. Ich fuhr schon früh mit meiner Freundin mit zu ihr nach Hause, weil ich auf keinen Fall allein sein wollte, und als sie schlief schlich ich mich ins Bad, um ununterbrochen auf mein Handy starren zu können. Wenn ich jetzt durchdrehe, komme ich da nicht mehr raus, sagte ich mir immer wieder. Wenn ich jetzt Panik bekomme, steigere ich mich nur rein. Aber der Gedanke daran, etwas fürchterliches konnte geschehen sein, meißelte sich von Minute zu Minute tiefer in mein Hirn. So bescheuert das alles klingen mag, aber in diesem Moment war ich mir zu einhundert Prozent sicher, dass ich ihn verlieren könnte, oder es bereits getan hatte. Ich wusste nicht wohin. Ich wusste nicht was tun. Ich malte mir die schrecklichsten Szenarien aus. Ich fühlte all das mit so eine Wucht, dass ich drohte daran zu zerbrechen. Also weinte ich auf dem Badezimmerboden, stundenlang, mit purer Angst und der größten Sorge in mir, die ich jemals gespürt hatte.

Bis mein Handy vibrierte. Sein Name stand dort, und ein „es tut mir so leid“. Ich rief sofort an, und die Erleichterung über diese fünf Worte waren so groß, dass ich beim weinen Schluckauf bekam. „Ich dachte, du wärst.. weg“, sagte ich immer wieder, und in seiner Stimme konnte ich hören, wie fürchterlich leid ihm alles tat. „Ich bin noch mal kurz in die Arbeit gefahren, bin versumpft, wollte mich da kurz auf die Couch legen und bin einfach eingeschlafen“, sagte er. Eingeschlafen. Ich war so erleichtert und wütend gleichzeitig. „Warum kannst du dein Handy nicht mal auf Vibrieren schalten“, fluchte ich, „und warum hast du nicht gesagt, dass du nochmal in die Arbeit gefahren bist?“
Alles in meinem Kopf verurteilte ihn dafür, dass er mich nicht hat teilhaben lassen und mich somit in dieses Sorgen-Loch gestürzt hatte, er weiß doch genau, wie mich sowas plagt. Hätte ich gewusst, dass er nochmal in die Arbeit gefahren war… Er weiß doch, dass ich ständig und immer voller Sorge bin, den Menschen in meiner Umgebung könnte etwas passieren – und überhaupt, was ist, wenn ich ihn mal wirklich brauche und er nicht erreichbar ist? Was tu ich dann?

Ich wurde so viel belächelt für diese dämliche Geschichte. Ich, die dachte, jemand sei gestorben, weil er sich mal ein paar Stunden nicht meldete. Keiner konnte es verstehen, und irgendwann lachte ich mit, weil es mir so peinlich war. Aber dieses Gefühl konnte ich niemals vergessen. Das Gefühl, mit Sicherheit zu wissen, jemanden verloren zu haben. Keine Sekunde dachte ich darüber nach, dass ich mir mal ernsthaft Gedanken darüber machen sollte, warum ich diese irrationalen Ängste in mir trage. Es ist doch alles gut, solange ich weiß, wo jemand ist, und derjenige sein scheiss Handy auf laut hat. Bei meinen Eltern und mir hat das doch auch immer wunderbar geklappt. Ich mache mir eben sorgen um die, die ich Liebe. Ich bin immer für alle erreichbar, also sollen sie gefälligst auch für mich erreichbar sein. So schwer ist das doch nicht, wenn man mir dafür Angst und Sorgen nehmen kann.

Ich dachte irgendwie, das sei normal. Ich kannte es ja nicht anders. Man ist eben immer erreichbar für den Notfall, und jemand muss erreichbar sein, für den Notfall. Der Gedanken daran, auch nur einen Abend lang „meine Person“ nicht erreichen zu können und somit mit mir selbst alleine dazustehen, ließ mich immer wieder verzweifeln. Bis ich tatsächlich mal jemanden mit meiner Sorge erdrückte, und man mir endlich sagte, dass das ganz und gar nicht „normal“ sei. Dass es doch schrecklich sein muss, sich ständig und immer zu sorgen. Dass man doch nicht so abhängig sein kann von jemandem, nur aus Angst, ein einziges mal mit seinen Gefühlen allein gelassen zu werden.

Irgendwann in meinem Leben muss es passiert sein, dass ich die elterliche Sorge meines Vaters auf alles, was mir lieb ist, übertrage habe – mit doppelter und dreifacher Heftigkeit. Ich habe mich damals nie an den Sorgen meines Vaters gestört. Ich hatte mein Handy zwar immer angeschaltet, bekam aber nie SMS oder Anrufe, ob es mir denn gut gehe. Mein Vater wollte mich immer nur für wirkliche Notfälle erreichen können und war für mich auch nur in wirklichen Notfällen der Ansprechpartner. Irgendwo habe ich die Grenze zwischen Notfall und ich-fühl-mich-grad-nicht-so übersehen und dachte, man dürfe mich auch mit Zweiterem auf keinen Fall alleine lassen.

Allein. Ich war noch niemals allein. Ich hüpfe von einer Beziehung in die Nächste, und selbst zwischendrin gibt es immer jemanden, der die Lücke „meiner Person“ in meinem Leben füllt. Ich habe mich, seitdem ich denken kann, immer auf jemanden zu 100% verlassen und war niemals allein, immer zu Zweit. Und die Angst, eben diesen Fixpunkt in meinem Leben zu verlieren, ließ mich Sorgen und Ängste nur so in mich einsaugen. Ich war niemals ein eifersüchtiger Mensch, meine „Kontrolle“ rührte einzig und allein aus purer Sorge. Aus Angst, man könnte mir etwas nehmen, was mir unendlich wichtig ist. Aus Angst, ich könnte plötzlich allein da stehen.

Und als ich das erkannte fühlte ich mich, als hätte man mir ins Gesicht geschlagen. Ich stellte mir nur für einen winzigen Augenblick vor, wie es wäre, sich mal keine Sorgen machen zu müssen. Wie es wäre, wenn meine Gedanken nicht ständig darum kreisen würden, ich könnte jemanden verlieren. Und irgendwie erkannte ich, dass ich mir – logischerweise – einige Sorgen ersparen könnte… wenn ich mich nicht immer so sorgen würde. Auch wenn es mir fürchterlich davor graute. Was bringt es mir, mich um jemanden zu sorgen? Das ist wie mit der Eifersucht. Ich bin nicht eifersüchtig, weil es nichts bringt, außer Kummer. Wenn mich jemand betrügen will, dann geschieht es aus tausenden Gründen – nicht aber, weil ich vertraut habe. Also lass ich das mit dem Misstrauen doch lieber gleich ganz. Wieso kann ich hier so denken und dort nicht?
Wenn tatsächlich jemandem, der mir nahe steht, etwas zustoßen sollte, dann kann ich nichts dagegen ausrichten. Dann kann ich mich davor sorgen so viel ich will, ich habe keinen Einfluss darauf. Es passiert wenn ich mich sorge genau so, wie wenn ich mich nicht sorgen würde. Warum also lass ich mich dann so komplett davon einnehmen? Ich möchte mir das in Zukunft immer wieder sagen, wenn ich mal wieder von Sorgen übermannt werde. Es bringt nichts. Ich könnte mir die Sorgen auch einfach sparen und in diesem Moment glücklich sein.

Noch schwieriger aber ist es für mich, mit dem Gedanken klarzukommen, ab und zu mal alleine dazustehen. Ich muss mir im klaren darüber werden, wann ich jemanden wirklich brauche, und wann ich meine inneren Dämonen auch alleine bekämpfen kann. Oder alleine bekämpfen können sollte. Es gab schon so oft Situationen in meinem Leben, die eine eigene innere Stärke gebraucht hätten – welche ich niemals aufgebaut habe, weil ich mich ständig von Anderen abhängig machte. Es war immer jemand da, der mir gut zuredete, wenn ich es hören wollte. Es war immer jemand da, der mich aufbaute, wenn ich am Boden war. Ich habe mich noch niemals selbst aufgerappelt. Ich bin ein hoffnungsloser, sozialer Junkie und fühle mich nur Ganz, wenn ich eine zweite Person in meinem Leben weiß, die mich stützt. Ohne diese Stütze kann ich nicht laufen.

Ich möchte mich nicht immer „allein gelassen“ fühlen, nur, weil jemand nicht rund um die Uhr erreichbar ist – und schon gar nicht möchte ich, dass jemand sich schlecht fühlt, wenn er einfach mal Ruhe von seinem scheiss Handy wollte. Mir tut es so leid, jemanden ein schlechtes Gefühl gegeben zu haben, nur weil er eingeschlafen ist. Nur, weil er mir nicht jeden Schritt seines Tagesablaufes mitgeteilt hat.

Ich möchte lernen ohne Stützen zu laufen. Ich werde trotzdem meine Freunde um Rat fragen, wenn ich Kummer habe, aber ich möchte nicht, dass jedes mal die Welt untergeht, wenn gerade mal keiner Zeit hat. Wenn mir der Boden unter den Füßen weggerissen wird, dann ja, darf ich mich auch mal stützen. Aber wenn er nur ein bisschen wackelt will ich lernen, selbst die Balance zu halten, ohne mich festhalten zu müssen.

Letztendlich will ich lernen, mich selbst am meisten zu brauchen. „Ich brauche dich“ klingt schön, aber eigentlich heißt es nur, dass der Andere eine Lücke in deinem Leben füllt. Es sollte keine Lücke in meinem Leben sein. Ich denke, erst, wenn es keine Lücke mehr in meinem Leben gibt, bin ich bereit dafür, jemanden dauerhaft in mein Leben zu lassen. Ich möchte lernen zu lieben ohne Abhängigkeit.

Sorgensinnlos