Triggerwarnung gesetzt


Irgend etwas stimmt nicht.

Ich öffne die Augen und starre auf die Stuhlbeine neben der Matratze. Und lausche. Ich habe so ein ganz ungutes Gefühl, weiß aber nicht, woher es kommt. Vor dem Fenster höre ich ein paar Kids vorbeilaufen, es muss ca. 6 Uhr Morgens sein. Geschlafen habe ich noch nicht, ein bisschen gedöst vielleicht. Meine Freundin und ich sind gestern Abend raus auf’s Land gefahren, weil irgendjemand meinte, die Party dort wird gut. War sie aber nicht. Und wie das eben so ist, versucht man sich alles schön zu trinken, was sowieso nie klappt – aber dank der guten Freundin an meiner Seite haben wir das Beste draus gemacht – und natürlich die letzte S-Bahn verpasst. Gleich zu Beginn des Abends lernten wir Alex kennen, der uns mit seiner lockeren Art ebenfalls den Abend versüßte. Wir drei waren sofort auf einer Wellenlänge, kein einziges mal fühlten wir uns von ihm angemacht, und als er uns anbot, dass wir gerne bei ihm übernachten können, war die S-Bahn sowieso vergessen. Also blieben wir bis etwa vier, liefen durch das halbe Dorf zu seiner Wohnung und waren heilfroh, nicht durchmachen zu müssen. Kurzzeitig war das nämlich die Idee, irgendwann um drei, als man noch betrunken und motiviert war. Früher, da ging sowas noch, aber wir sind mittlerweile einfach zu alt für den Scheiss.

Alex kochte uns noch Tee, gab uns Jogginghosen und T-Shirts, wir quatschten noch eine Weile und ich döste als Erste auf der 1,40cm Matratze weg, die wir uns für die Nacht teilten. Mit einem erholsamen Schlaf hatte ich sowieso nicht gerechnet, ein paar Stunden nur, bis wir wieder fitter sein würden und der erste Bus wieder fährt. Und jetzt liege ich hier, plötzlich hellwach, und weiß nicht, warum. Oder doch? Bilde ich mir das gerade ein?
Ich kenne meine Freundin schon ewig. Sie kennt mich ewig. Wir kennen uns, besser als uns selbst, das ist eine von den Freundschaften, die sich ohne Worte versteht und irgendwie sogar über Distanz merkt, wenn es dem anderen nicht gut geht. Aber ich bin mir gerade einfach nicht sicher, ich höre nichts, ich spüre nichts, alles ist ruhig. Aber trotzdem beschleicht mich das Gefühl, dass der Typ, der sich zwischen uns breit gemacht hat, gerade irgendetwas tut, was meiner Freundin nicht gefällt.

Ich drehe mich muxmäuschenstill um und setze mich ein winziges Stück auf, um zu den beiden rüber zu sehen. Nichts. Meine Freundin hat ihren Pulli über den Kopf gelegt, wahrscheinlich weil es ihr zu hell war, über uns dreien liegt die riesige Decke. Nichts bewegt sich. Doch nur Einbildung. Ich lege mich wieder hin, schließe wieder die Augen und rede mir ein, dass alles gut ist. Ich bin so müde. Trotzdem kommt mein Kopf nicht zur Ruhe. Falls der Typ doch gerade etwas tut, kann ich doch nicht einfach einschlafen jetzt. Aber sie würde sich doch bemerkbar machen, wenn es so wäre, oder etwas sagen. Ich könnte sie auch einfach fragen… aber wenn nichts ist, habe ich sie umsonst aufgeweckt, und sie meinte doch, sie müsse unbedingt ein bisschen schlafen, sie habe am Sonntag noch etwas vor.

Und als meine Gedanken langsam abdriften, mich die Müdigkeit doch (endlich) zu übermannen scheint, spüre ich wieder etwas. Und bin hellwach. Ich spüre nicht nur, wie sich etwas bewegt, sondern ich spüre eine Hand. Auf mir. Und ich liege stocksteif da. Was zur Hölle? Die Hand liegt zwar nicht irgendwo, wo es absolut daneben wäre, aber sie bewegt sich über meine Hüfte in einer Art und Weise, die mir absolut nicht gefällt. Alles in mir sträubt sich dagegen, und trotzdem bewege ich mich nicht, weil ich meine Freundin nicht wecken möchte. Wir können doch jetzt nicht gehen, es fährt noch nichts, und sie wollte doch so dringend schlafen. Und es ist ja nicht so schlimm.

Bullshit. 

Ich hatte vorhin schon das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Er hat’s einfach bei meiner Freundin auch versucht und sie dachte sicher, ich schlafe. Ich bin scheisse nochmal Mitte fucking Zwanzig und werde ’n Teufel tun, mich von irgendjemandem anfassen zu lassen, wenn ich es nicht möchte. Ich setze mich aprupt auf und im gleichen Moment dreht meine Freundin ihren Kopf zu mir,  ihr Blick wirkt erleichtert, und ich gebe ihr zu verstehen, dass sie mit mir mitkommen soll. Wir schleichen uns aus dem Zimmer, der Typ stellt sich schlafend oder was weiß ich und wir setzen uns rüber an seinen Küchentisch. Sobald wir alleine sind flüstert sie mir zu: „Oh Gott, ich bin so froh, dass du wach bist. Ich dachte du schläfst. Ich konnte nicht schlafen, weil mich der Typ einfach -“
„Angefasst hat?“, unterbreche ich sie, und fühle mich im gleichen Moment elend. Weil ich es doch irgendwie wusste. Ich erzähle ihr, dass ich so ein Gefühl hatte, sie aber nicht wecken wollte. Sie erzählt, dass auch sie im Zwiespalt war, weil sie mich nicht wecken wollte. Weil sie wusste, wir müssen dann gehen, und es war ja nicht so schlimm. Als sie ihm zu verstehen geben wollte, dass das nicht läuft – hat er sich offensichtlich umgedreht und bei mir weitergemacht. Ich allerdings habe sofort reagiert, meine Freundin musste die fremde Hände mehrere male von sich wegschieben – und bei ihr lagen sie nicht „nur“ auf der Hüfte. Bei dem Gedanken, dass ich direkt daneben lag und nichts bemerkte, wird mir schlecht.

Wir schleichen uns wieder zurück in sein Zimmer, wo er seelenruhig zu schlafen scheint, packen unsere Sachen und verlassen Wortlos seine Wohnung. Draußen angekommen flüstern wir immer noch, bis uns klar wird, dass wir hier draußen niemanden mehr wecken.

Was uns neben der Grabscherei so zu schaffen machte, war die Tatsache, dass er es überhaupt versucht hatte. Keine Sekunde am Abend hat eine von uns mit ihm geflirtet, für uns beide war klar, dass da nichts laufen wird. Wir beide fühlten uns irgendwie in der Klemme, weil wir wussten, wir kommen nicht heim, haben kein Taxigeld und die jeweils Andere will bestimmt schlafen. Dass man überhaupt im entferntesten daran denkt, so etwas über sich ergehen zu lassen. Meine Freundin dachte sich in der Situation: „Dann hat er eben die Hand da auf meiner Hüfte. Gefällt mir zwar nicht, aber für den Schlafplatz hier halte ich das eben aus. Ist ja nicht so schlimm.“

Je länger wir darüber quatschen, umso fassungsloser werden wir. Woher kommen diese Gedanken? Niemand sollte sich von irgendwem anfassen lassen, wenn er es nicht möchte. Niemals. Auch nicht, wenn jemand „so nett war“ ein Bett anzubieten, auch nicht, wenn jemand Tee gemacht hat, Jogginghosen verteilt, freundlich und aufmerksam war bis zum Schluss. Man muss nichts zulassen.

Wir reden noch lange. Bis neun Uhr müssen wir in der Kälte warten, erst dann fährt der erste Bus aus diesem elendigen Kaff zur nächsten S-Bahn Station. Aber selbst das Frieren war es wert, dort abzuhauen. Und als die letzten zehn frierenden Minuten anbrechen, erzählt mir meine Freundin, dass sie früher oft etwas zugelassen hat, ohne es wirklich zu wollen. Sie kommt vom Land, die Parties waren in der Stadt, da hat man am Abend mal mit einem Kerl geflirtet und bei ihm übernachtet. Natürlich hat sie sich die Typen ausgesucht, aber eigentlich hätte sie gerne nicht gleich und sofort mit ihnen geschlafen. Aber was soll man machen, wenn man jung ist, unerfahren und nicht Heim kommt? Da hat man noch nicht das Sebstbewusstsein, für das, was man nicht möchten, einzustehen. Und wenn eine Frau mit einem Mann Heim geht, bekommt sie selten „nur einen Schlafplatz“. Also hat man eben Sex, weil man dankbar ist für das Dach über dem Kopf, den Typen nicht verärgern will oder womöglich Gefahr läuft, rausgeschmissen zu werden. „Es war schon okay“, sagt sie, „aber mir kam nie in den Sinn, einen Typen zu fragen, ob es in Ordnung wäre, nur zu übernachten. Ich dachte eben auch, es sei normal, dann auch Sex zu haben.“ Nach einem kurzen, stillen Moment sagt sie noch: „Und ich war mir eigentlich sicher, dass so etwas jetzt, wo ich älter bin, nicht mehr passieren würde. Weil ich weiß, wer ich bin, was ich will und vor allem, was ich nicht will. Aber trotzdem habe ich heute kurzzeitig wieder darüber nachgedacht, etwas zuzulassen, obwohl ich eigentlich nicht möchte.“

Ich habe das Glück, noch niemals ernsthaft sexuell belästigt worden zu sein. Und ich habe auch das Glück zu wissen, was ich will und was ich nicht will, und ich habe den Mut, es auszusprechen, wenn ich etwas nicht möchte. Ganz egal, ob weiblich oder männlich – niemand darf dich anfassen, wenn du es nicht möchtest. Und auch, wenn es dir „nicht so schlimm“ vorkommt, musst du es nicht zulassen. Frage dich, warum es angeblich „nicht so schlimm“ ist. Weil die Leute es sagen? Die Gesellschaft oder vielleicht sogar deine Freunde? Es liegt in deinem eigenen Empfinden, wie schlimm etwas ist. Sogar eine Hand auf einer Schulter kann sich so widerlich anfühlen, dass man am liebsten erbrechen möchte. Keiner kann in dich reinfühlen.

„Nicht so schlimm“ gibt es nicht. 

Wenn du etwas nicht möchtest, sagt es. Laut.