Festhalten und Loslassen

Drei Stunden. Vor drei Wochen noch hab‘ ich’s mir nicht vorstellen können, man gewöhnt sich schnell daran. Anfangs, wenn der Geist noch in Form von Erinnerungsfetzen und Gerüchen durch dein Zimmer schwebt, kommt es dir vor als seist du noch gar nicht allein. Nach ein paar Tagen dann, wenn du realisierst, dass du von nun an wieder wochenlang allein im Bett liegen musst, kommt die Einsamkeit rein wie ein wreking ball und bricht dir deine Nase.

„Genieß doch mal die Zeit, die wir miteinander haben und denk nicht immer und ununterbrochen daran, dass es bald wieder vorbei ist.“

Schwierig, es ist so schwierig. Über Skype kann man nicht anfassen, man kann sich nichtmal in die Augen sehen. Man kann nur vor einem flimmernden Screen einschlafen. Und dann, wenn es unausstehlich wird, werde ICH unausstehlich. Warum nicht jetzt, gleich, hier, warum so weit weg, was soll der scheiss eigentlich. Die wenigen Minuten, die wir miteinander sprechen können bin ich entweder wütend oder viel zu traurig.

Ein paar Wochen später, wenn die bittere Pille auszuhalten ist wie Tonic Water, wenn es sich so anfühlt als wär niemals jemand hier gewesen komme ich klar. Klarererer. Ich kapsel mich ab von meinem weinerlichen Selbst. Ich zwinge mich dazu, die Zeit zu genießen, die wir auf dem Bildschirm miteinander haben. Ich lache wieder, denke nicht daran wie lang es noch hin ist.

Eine Woche, bevor es soweit ist, fange ich an zu wuseln. Ich bereite so viel vor wie nur möglich, arbeite so viel wie möglich, nur damit ich in der Zeit der Zweisamkeit meinen Kopf abschalten und mich voll und ganz auf dich um mich herum konzentrieren kann.

Drei Tage davor putze ich meine Wohnung. Nicht, dass das nötig wäre, aber ich habe das Bedürfnis alles in seinen Ursprung zurückzuversetzen, die Einsamkeit rauszusaugen, das Alleinsein mit Chlorreiniger wegzuwischen.

Und dann, wenn es nur noch drei Stunden sind kann ich nichts mehr. Nicht weinen, nicht lachen, nicht aufgeregt sein. Jede Minute die vergeht kommt das Auto näher, irgendwo. Ich warte und warte und warte.

Wenn es dann an der Tür klingelt verflüchtigt sich all mein Blut aus Fingern und Füßen, mein Körper beginnt zu zittern, ich bleibe im Gang kurz stehen, versuche regelmäßig zu atmen um sicher zu gehen, dass das hier gerade wirklich passiert. Und all die Tränen, die ich wochenlang extra nicht vergossen habe strömen aus mir raus wie ein gottverdammter Monsun, weil ich plötzlich wieder in Augen sehen kann. Die Einsamkeit macht sich vor Angst in die Hose und sucht sich endlich einen anderen Vollidioten. In meiner Wohnung tanzt die Zweisamkeit plötzlich Samba mit viel zu großen Gefühlen.

Einen Tag, bevor es wieder vorbei ist, klingt mein Rausch abrupt ab.

Und ich denke ununterbrochen daran, dass die ganze scheisse wieder von vorne losgeht.

 

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  1. Antworten

    Katja

    23. Februar 2014

    Das beschreibt es sehr gut!
    Sehr schöner Text! Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Hab diese Phase des ewigen voneinander Entferntseins ein Glück überstanden und schicke dir hiermit mein Durchhaltevermögen. Du brauchst es jetzt mehr ;)

    Liebe Grüße <3

  2. Antworten

    Jasmin

    23. Februar 2014

    Du kannst so wundervoll schreiben <3
    Wünsche dir auch ganz viel Durchhaltevermögen!
    Ist eigtl voll süß wie du dich freust und im gefühlschaos bist, bei mir ist grad nicht mehr so und das macht mich jetzt misstrauisch…

    Liebste Grüße !

  3. Antworten

    Chiara Knauß

    23. Februar 2014

    Toller Blog!
    Würdest du vllt bitte Mitglied aus meiner Seite werden? Mein Blog ist relativ neu und ich habe nicht die Zeit regelmäßig zu posten und irgendwie läuft der so gar nicht an obwohl ich bei bloglovin, blog connect und instagram bin. Hast du vllt ein par Tips? Du kannst ihn dir ja mal anschauen, http://www.thecksdaily.blogspot.de. xx, Chiara

  4. Antworten

    Anna Sophie

    23. Februar 2014

    Sehr schöner Text. Ich wünsche dir auch sehr viel Durchhaltevermögen :-)

  5. Antworten

    Sussy

    23. Februar 2014

    Wunderschöner Text.
    Kann deine Gefühle durchaus nachvollziehen. Ich hatte bisher nur Fernbeziehungen, allerdings nicht in andere Städte, sondern andere Länder. Das Schöne ist, dass man die wenigen gemeinsamen Momente viel intensiver wahrnimmt und alles an ihnen in sich aufsaugt, schließlich muss man die nächsten Wochen von ihnen zehren. Manchmal kommt einem alles dann durchaus wie ein Traum vor, fast so, als ob es nie real wäre – und dann doch so Besonders, so atemberaubend schön und wertvoll.

  6. Antworten

    jana cordes

    23. Februar 2014

    Fernbeziehungen sind doof!

  7. Antworten

    Anela

    23. Februar 2014

    Fernbeziehung ist scheiße, war schon immer so, wird immer so sein. Aber ich hab das Gefühl, das ist das Los unserer Generation…meine beiden Freundinnen pendeln Augsburg – Wien und Passau – Bremen, ich selber Göttingen – München (bald Frankfurt) . Ich lenk mir einfach immer, ist ja nicht für immer, anders ließe es sich wohl kaum aushalten.

  8. Antworten

    Foxface

    23. Februar 2014

    Oh, wenn du wüsstest, wie sehr genau dieser Text auch meine Situation beschreibt… Ich habe beim lesen eine Gänsehaut bekommen und eben sogar ein paar Tränen zurückhalten müssen. Es handelt sich bei mir zwar nicht direkt um eine Fernbeziehung aber… Zumindest um eine sehr wichtige Person in meinem Leben, einem Seelenverwandten, den ich ich nur alle halbe Jahr mal sehen kann…
    Wunderschöner Text, Angela…

    Love and Nonsense

    foxface-dreams.blogspot.de

  9. Antworten

    Jónadis

    23. Februar 2014

    Oh Mann, wie du schreiben kannst. Gänsehaut und Pipi in den Augen sind Standart.
    Und ich verstehe die Situation echt sehr sehr gut… Besonders wenn ich daran denke, dass ich bald für ein Jahr ins Ausland gehe und ich meinen Freund dann gar nicht mehr sehen werde… Da hilft auf Skype nichts. Vermissen tut einfach nur weh.

  10. Antworten

    StephieJ

    23. Februar 2014

    Oh mein gott.
    Wie wundervoll du schreibst.
    Ich erkenne mich total darin..

    Mein Freund ist bei der Bundeswehr.. er will unbedingt in einen Auslandseinsatz und das bringt mich jetzt schon fast um.

    Im Moment führen wir auch eine Fernbeziehung..anstrengend und nervenaufreibend. :(

    Ganz viel Durchhaltevermögen wünsche ich dir für die nächste Zeit. :)

  11. Antworten

    Laura

    23. Februar 2014

    unglaublich schöner Text, du sprichst mir aus der Seele

  12. Antworten

    Angi

    23. Februar 2014

    Wie immer muss ich sagen – ich liebe deinen Schreibstil.
    So wundervoll geschrieben, dass man direkt mitfühlt.
    Ich hatte früher eine Fernbeziehung und kenne das leider auch sehr gut. Umso dankbarer bin ich das ich meinen Freund jetzt in meiner Stadt, immer greifbar habe. Es gibt nichts schöneres.

    Ich wünsche dir, dass es sich bald bessert für dich und du dich nicht mehr so fühlst, sondern es einfach genießen kannst, wenn die Zeit ihn zu sehen wieder da ist!

  13. Antworten

    Lilly

    23. Februar 2014

    Mein Freund ist Messebauer und ab und an auch außerhalb meiner Stadt unterwegs. Gerade jetzt ist er für zwei Monate in der Schweiz… Ich weiß, wie du dich fühlst. Schöner Text auf jeden Fall…

  14. Antworten

    Jasmin

    23. Februar 2014

    Angela !! <33
    Du hast wirklich ein wahnsinniges Talent!!
    Die Worte sind wunderschön gewählt, berühren zutiefst!!
    Zudem fühle ich mich persönlich sehr angesprochen, da ich diese Situationen nur zu gut kenne und nachempfinden kann.
    Danke dir für diesen Post!

    Liebe Grüße
    Jasmin

    PHOTOGRAPHY ● LIFESTYLE ● FASHION ● SOUL
    ►►►http://white-chains.blogspot.de◄◄◄

  15. Antworten

    Lucy

    23. Februar 2014

    wunderwunderschöner Text <3

  16. Antworten

    Franzi

    23. Februar 2014

    Ich habe eine richtige Gänsehaut!

  17. Antworten

    Maribel Skywalker

    24. Februar 2014

    Das Gefühl kenne ich nur zu gut. Seit gut einem Jahr mache ich das jetzt so und mittlerweile habe ich es geschafft am Samstag Abend nur einmal dran zu denken und erst am Sonntag zu schmollen. Aber es ist immer viel zu scheußlich wieder in den Bus zu steigen, oder bei der Mitfahrgelegenheit ‚Tschüss‘ zu sagen.. Viel zu scheußlich! Jedes Mal aufs neue..

  18. Antworten

    Annika Ingrid

    16. März 2014

    So so so wundervoll geschrieben.

  1. Antworten

    Die Angela wieder… | einensommerlang

    11. Juli 2014

    […] Von: http://the3rdvoice.net/2014/02/festhalten-und-loslassen.html […]

  2. Antworten

    Podcast: Ein halbes Jahr mit einem Narzissten - angeladoe.com // Vegan & Fair Fashion Blog aus München

    2. Dezember 2018

    […] „The absence is only physical“ – ein Post über das Vermissen zur damaligen Zeit. ÜBER Zeilen wie „Jede Minute die vergeht kommt das Auto näher, irgendwo. Ich warte und warte und warte“, muss ich wieder den Kopf schütteln – denn so weit weg war er ja gar nie. ;D […]

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