Helena

Helena


„Also ich wollte dich fragen, ähm–“
Mir fehlen ein bisschen die richtigen Worte, ich höre meine eigene Unsicherheit. Wir sitzen direkt neben dem Dj-Pult, draußen unter einem Baum und drehen uns Zigaretten. Ich habe erst auf dem Weg dort hin beschlossen, dich zu fragen, ob du bei mir einziehen möchtest. Wir haben doch erst vor ein paar Wochen wieder zueinander gefunden, vielleicht ist das zu viel? Die letzten zwei Jahre lebten wir ein so unterschiedliches Leben, fühlten uns vom anderen in so vielen Dingen nicht verstanden. Ich kannte nur die Wochenenden, umgab mich nur noch mit Leuten, die meinen Lebensstil teilten, und jeden, der mir sagte, ich sei „zu dünn“ geworden, ließ ich links liegen. Ich hatte es satt, mir anzuhören, ich würde jemandem Sorgen bereiten, ich lebte doch einfach nur, ich brach doch gerade erst aus. Es war der Anfang meiner inneren Rebellion gegen alles, und natürlich war es übertrieben. Aber ich konnte nicht anders. Und du, du bist in dieser Zeit in eine ganz andere Richtung gelaufen als ich. Wir liefen voneinander Weg, bis jeder von uns an einem Punkt kamen, an dem wir umdrehen mussten. Jeder lief in seinem eigenen Extrem gegen eine Wand, und auf dem Weg zurück trafen wir uns auf einmal wieder. In der Mitte. Und hier sitzen wir nun, zwischen Menschen und guter Musik, und ich fühle mich dir näher als jemals zuvor. Meine Intuition sagt mir, dass es die richtige Entscheidung ist, dich zu fragen, ob du in Zukunft bei mir wohne möchtest. Einzig und allein der Kopf hat noch angst, weil man immer ins kalte Wasser springt, wenn man mit jemandem zusammenzieht.

Wenn ich eines über die letzten sechs Jahre an wechselnden Mitbewohnern gelernt habe, dann, dass man einen Menschen erst wirklich kennen, wenn man längere Zeit mit ihm zusammenlebt – egal, wie gut man ihn davor vermeintlich kennt. Manchmal passiert es, dass man sich nahe stand, und sich trotz engem Raum weiter voneinander entfernt. Und das ist okay, man kann es vorher nicht wissen. Manchmal scheint sich eine Freundschaft durch diese Nähe einfach zu verflüchtigen… und braucht am Ende doch nur wieder den gesunden Abstand, um wieder aufzublühen. Ich hatte das, ich kenne das, und ein bisschen machte es mir angst. Jedes mal, wenn ich mich für jemanden entscheiden musste, der diese 48m² mit mir teilt, hatte ich angst. Angst davor, es könnte vielleicht wieder ein Raum zwischen zwei Menschen entstehen, der vorher eigentlich nicht da war. Aber vielleicht war es genau deshalb der richtige Zeitpunkt. Wir hatten diesen Raum zwischen uns bereits, was soll denn noch passieren?

Ein ganzes Jahr später sitze ich allein in meiner Küche und vermisse dich ganz furchtbar. Dabei bist du doch nur zweieinhalb Wochen weg. Ich vermisse es morgens einen Kaffe mit dir zu trinken und abends über den Tag zu sprechen. Sogar Sherry vermisst dich, das hat sie mir gesagt. In diesen sechzehn Tagen wurde mir wieder so richtig bewusst, was für eine unglaublich schöne Zeit wir miteinander haben, seitdem du hier bei mir wohnst. Alles läuft einfach, alles funktioniert, ohne Worte und ohne Absprache. Letztens hast du zu mir gesagt, dass du noch nie von einer WG gehört hast, die in einem ganzen Jahr nicht ein einziges mal aneinandergeraten ist. Das stimmt, das habe ich auch nicht. Wie verrückt ist das?

Und weißt du, ich glaube ich verstehe, woran das liegt. Die Antwort ist nämlich ganz simpel: Du bist einer der großartigsten Menschen, die ich kenne. Man kann dir nichts vormachen, weil du spürst, wenn es jemandem nicht gut geht. Du bist unfassbar aufopferungsvoll, und wenn es jemanden gibt, auf den man immer zählen kann, dann bist es du. Und wenn du sagst, dass du mich gerade brauchst, dann gibt es nichts was ich in solchen Momenten lieber tue, als dich in den Arm zu nehmen. Weil ich so glücklich darüber bin, dir ein bisschen was von dem, was du mir schenkst, zurückgeben zu können.

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Es gibt Freundschaften, die leben von der Vergangenheit. Davon, wie vieles und verrücktes man miteinander bereits erlebt hat, und hey, das haben wir auch: Wir kennen uns seit zehn Jahren! Mein Ausweis war deine Eintrittskarte in unseren Lieblingsclub, wo wir viel zu viel Jägermeister tranken und zu den Liedern unserer Lieblingsbands tanzten. Du warst für mich da, als mir mitten auf der Tanzfläche (diesmal in einem ziemlich beschissenen Club) die Kniescheibe raussprang. Den ganzen Weg ins Krankenhaus hast du mir Harry Potter Fragen gestellt, um mich von meinen Schmerzen abzulenken (ich schrieb sogar einen Post darüber). Und wie du den Taxifahrer zur Sau gemacht hast, weil er sich aufregte, dass er vor dem Krankenhaus ein paar Minuten mit mir im Auto auf den Rollstuhl warten musste! Das werde ich dir nie vergessen.
Und die Dinge, die ich dir nie vergessen werde, die werden nur immer mehr. Wir haben schon viel miteinander erlebt, und stecken doch immernoch mittendrin. Wir schaffen uns immer und immer wieder neue Erinnerungen, auf die wir irgendwann zurückblicken können. Vielleicht wird auch das Zusammenleben mit dir irgendwann nur noch eine Erinnerung sein – aber in den letzten 365 Tagen haben wir uns ein neues, unerschütterliches Fundament gebaut. Ein Fundament, was steht, und das für immer. Hier drauf haben wir uns unsere Freundschaft gebaut, und die steht nun so felsenfest, dass uns keine Entfernung mehr auseinander bringen kann. Darauf hoffe ich, das wünsche ich mir.

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass du immer in meinem Leben sein wirst. Vielleicht hoffe ich sogar, dass wir für immer gemeinsam in einer WG wohnen werden. Ich glaube nicht daran, dass wir uns jemals wieder voneinander entfernen könnten. Du hast deinen Platz im Leben gefunden, genau wie ich, und der ist ganz ganz ganz nah beieinander.

Diesen Post hier schrieb ich vor vier Jahren. Und ich möchte den heutigen mit eben den gleichen Worten beenden, wie damals:

Everyone needs a Helena in their life. Und wenn das Leben dir Zitronen gibt, muss man eben die Helena Tequila und Salz dazu bestellen lassen.

 

Heute bestelle ich dir Tequila. Oder ein Bier, wie du magst. Denn heute wirst du 26 Jahre alt. Alles alles alles Gute zum Geburtstag liebe Helena! Auf dass wir noch jahrelang gemeinsam dem ohrenbetäubende schreddern des ollen Kaffevollautomaten lauschen können, auf dass wir noch so viele Tage mehr gemeinsam in der Sonne tanzen werden, wie heute. Vielleicht sorge ich sogar dafür, dass du es genau jetzt liest.

Ich hab dich so so lieb!

 

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