Vielleicht ist es älter, als ich selbst

Vielleicht ist es älter, als ich selbst


Normalerweise schreibe ich erst über etwas, wenn es nicht mehr so weh tut. Wenn ich schon eine Lösung gefunden habe, wenn ich aus dem Gröbsten raus bin. Damit all das irgendwie einen Mehrwert für euch hat, damit ihr euch meine Texte durchlesen könnt, wenn ihr selbst nicht weiter wisst.
Immer, wenn Wochenlang kein Sonntagspost kommt, kann man davon ausgehen, dass ich auf Lösungssuche bin. Dass ich versuche irgendwas mit mir selbst zu klären, was dann eine Art Schreibblockade verursacht. Ich will euch ja nicht mit einem miserablen Gefühl in den Sonntag schicken. Ich will euch ja nicht mit meinem miserablen Gefühl in den Sonntag schicken. Ich stecke fest. Weil ich eigentlich weiß, wie die Lösung aussehen sollte, ich aber keine Ahnung habe, wie ich sie umsetzen soll. Ich hoffe ihr verzeiht mir, dass ich am Ende keine guten Ratschläge habe für euch – aber vielleicht habt ihr ja einen für mich.

 


 

Vor einiger Zeit rief ich meine Mutter an, weil ich wissen wollte, wieso ich so oft das Gefühl habe, nicht genug zu sein. Ich kramte so tief in meinen Erinnerungen, bis ich mich schlichtweg nicht mehr erinnern konnte. Bis zum Kindergarten. Ich suchte nach einer Art Schlüsselerlebnis, in der Hoffnung, herausfinden, wie ich es ändern kann. Ich dachte viel an meine Eltern und meine Erziehung, aber mir fiel nicht ein einziges Erlebnis ein, an dem ich mich nicht bedingungslos geliebt gefühlt hatte. Meine Eltern standen bei jeder Entscheidung in meinem Leben hinter mir. Sogar, als ich nach der 6. Klasse ins Gymnasium hätte gehen können und mich für die Realschule entschied (weil alle meine Freunde auf die Realschule wechselten), war das okay. Es wurde nie angezweifelt.
„Weißt du, was du jeden Morgen gemacht hast, bevor ich dich in den Kindergarten gefahren habe?“, erzählte meine Mutter, „Du bist durch dein ganzes Zimmer gelaufen und hast Dinge gesucht, die du den anderen Kindern mitbringen kannst. Du wolltest immer etwas schönes für die Anderen mitbringen.“
Meine Mutter wusste leider auch keine Lösung für meine Misere. Sie konnte mir nicht sagen, warum ich schon in diesem Alter der Meinung war, meine bloße Anwesenheit sei wohl nicht genug.

Ich meine, es ist doch nichts Falsches daran, anderen Menschen etwas Gutes zu tun, ein Geschenk mitzubringen, sich für sie zu bemühen. Wenn ich Freunden heute etwas schenke, dann sicher nicht, weil ich Angst habe, sie könnten mich sonst nicht gernhaben. Ich habe eine Hand voll großartiger Freunde in meinem Leben, meine Save Zone. Alte Freunde, deren Liebe ich mir sicher bin, für die ich mich nie verstellen muss, die mich nehmen, so, wie ich bin. Aber was, wenn ich jemanden Neuen Kennenlerne, dessen Gunst mir unfassbar wichtig ist?

Ich verbiege und verdrehe mich wie eine Brezel, um perfekt zu sein. Ernte ich dann ein Lächeln oder Dankbarkeit für etwas, was ich für sie getan habe, stürze ich mich genau auf das. Ich fühle Dankbarkeit und möchte diese wiederhaben, um jeden Preis. Ich möchte nichts falsches sagen, nichts falsches machen, und blockiere mich komplett selbst. In den letzten Wochen habe ich mir dadurch so viel Druck gemacht, dass ich nur noch ein Schatten meiner selbst war. Ich wurde still, weil ich nichts falsches sagen wollte, traute mich kaum mehr etwas aus Eigeninitiative zu tun, und fühlte mich bewegungsunfähig. Ich fühlte mich wie ein charakterloser Schatten, ein Kind, dass sich hinter dem Rockzipfel seiner einzigen Save Zone im Raum versteckte. Und doch ist da die Stimme im Hinterkopf, die mir sagt, ich muss doch eigentlich gar nichts tun. Ich muss doch einfach nur ich selbst sein. Es ist doch immer besser, ich selbst zu sein, als mich zu verbiegen.

Die Lösung klingt so einfach. Ich muss doch einfach nur ich selbst sein, denn ich bin genug. Und doch frage ich mich, wie ich das umsetzen soll. Wie ich etwas abschalten soll, wenn ich nichtmal herausfinden kann, wo es herkommt. Wo es entstanden ist. Und das macht mich verrückt. Wo soll ich ansetzen, um all das aufzulösen? Wie soll ich herausfinden, wieso ich bin, wie ich bin?

Manchmal glaube ich, dass all das vielleicht noch viel weiter zurück geht, als ich vielleicht vermute. Dass irgendwo Verletzungen auf mir lasten, die gar nicht meine sind. Für viele mag das vielleicht verrückt klingen – aber woher soll es sonst kommen? Ich bin in einer Generation aufgewachsen, die wirkliches Leid nicht kennt. Ich habe keine Kriege miterlebt und bin in einem gesunden, gewaltfreien Umfeld aufgewachsen. Aber was ist, wenn ich trotzdem etwas in mir trage, was über Generationen weitergegeben wurde? Kann es sein, dass ich Charakterzüge an mir habe, die geprägt wurden aus einer Zeit, die vor mir war – die Zeit meiner Großeltern, meiner Urgroßeltern? Tragen wir vielleicht alle etwas in uns, was älter ist, als wir selbst?

 

Ich versuche trotzdem, etwas Positives aus all dem zu ziehen. Ich möchte heute versuchen, mir selbst auf die Schulter zu klopfen – einfach dafür, dass ich mich mit all dem beschäftige. Dass ich nichts davon unter den Tisch kehre und versuche zu verdrängen, dass ich nichts davon einfach so hinnehme. Ich habe eine Baustelle erkannt und möchte jetzt ein schönes Häuschen bauen, nur fehlen mir die nötigen Bausteine. Ich möchte mich weiterentwickeln, mich selbst noch besser kennenlernen. Wie immer muss ich auch lernen, dass manche Dinge eben dauern. Dass ich nicht immer alles gleich lösen kann, dass es vielleicht sogar Jahre dauern wird, bis ich alte Muster ablegen kann. Das Leben ist ein einziger Lernprozess – wichtig ist nur sich diese bewusst zu machen.

Vielleicht habe ich also doch etwas gefunden, was ich euch mit auf den Weg geben kann: Schau dir an, was in dir los ist. Selbst, wenn es erstmal weh tut. Und verurteile dich nicht für das, was du bist – es ist ein Teil von dir und wert, beachtet zu werden.

 

 


 

Auf der Suche nach einer Lösung stolperte ich in letzter Zeit immer öfter über den Begriff „Familienaufstellung„. Ich traue mich kaum, den Begriff zu erklären, so komplex erscheint mir dieses Verfahren. Deshalb wende ich mich an euch – habt ihr damit schon einmal Erfahrungen gemacht? Gibt es jemanden, der als Stellvertreter dabei war oder sich sogar selbst hat aufstellen lassen? Gibt es vielleicht sogar Empfehlungen für München? Ich wäre euch sehr dankbar.

 


 

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