Die Kunst des Vergebens (Part 2)

Die Kunst des Vergebens (Part 2)

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„Ich verstehe“, sagte Chrissy zu mir. Natürlich verstand sie, keine Ahnung warum ich daran gezweifelt hatte. „Ich habe plötzlich ein ganz anderes Gefühl in mir, wenn ich an diese Sache zurückdenke. Keinen Hass mehr, weißt du. Gar keinen. Es ist auch kein Überlegensein und auch kein ‚fick dich, du kannst mir gar nichts mehr‘. Ich glaube, es ist Mitgefühl.“

Ich glaube, es ist Mitgefühl.

All die wunderbaren Dinge, die ich auf Hawaii erleben durfte, haben mir eine neue Art der Liebe zu anderen Menschen gezeigt. Etwas, was ich vorher nicht kannte. Ich verurteilte viel, so, wie jeder Mensch es eben manchmal tut. Ab und zu lästert man, weil man sich selbst dadurch besser fühlt. Wenn mir jemand etwas böses tat, war ich normalerweise wütend und wollte ihm eben so böses tun – eine ganz normale, menschliche Reaktion. Mein Schmerz soll auch dein Schmerz sein. So funktioniert diese Welt eben, so entsteht Streit, so entsteht Hass und so entstehen Kriege.
In dieser anderen Welt hier auf Hawaii, in der ich wochenlang nur Liebe und Nettigkeit erfahren hatte, verwirrte es mich fast schon, wenn mal jemand unfreundlich zu mir war. Ich erinnere mich noch sehr gut an diese eine Situation, die für mich vieles änderte.

Ein Mensch, den ich in kürzester Zeit sehr lieben gelernt hatte, stand auf einmal vor mir und schrie mich an.
Er war furchtbar wütend und aufgebracht, und obwohl all das nichts mit mir zutun hatte, schrie er mich an. Ich wollte nur helfen, aber sein Schmerz suchte in mir nur verzweifelt nach noch mehr Schmerz. Ich sah, wie sich seine Augen veränderten, wie er plötzlich ein ganz anderer Mensch wurde als der, den ich kennen und lieben gelernt hatte. Er war nicht mehr er selbst, und dieses nicht-Selbst versuchte ein nicht-Selbst aus mir herauszukitzeln. „Ich bin nunmal so!“ schrie er, „und ihr könnt mich nicht ändern! Ich bin nicht so super behütet aufgewachsen wie du! Lass mich in ruhe! Da, wo ich herkomme, gibt es keinen anderen Ausweg als sich in die Fresse zu schlagen!“
Er hatte niemandem in die Fresse geschlagen. Es war Abend, ein paar Bier wurden bereits getrunken, und aus einer Nichtigkeit heraus entwickelte sich ein Streit zwischen ihm und einem Jungen aus dem Ort. Er baute sich vor ihm auf, sein ganzer Körper strotze nur so vor Aggressivität, doch bevor etwas passieren konnte rannte er aus der Wohnung auf eben den Parkplatz, an dem wir standen. Er rannte raus, weil sein Blick in seiner Rage auf mich und Chrissy fiel, und das, was von seinem Selbst in diesem Moment noch übrig war, sagte ihm wohl, er wolle nicht vor uns ausrasten. Etwas in ihm wollte nicht, dass wir das sehen. Also rannte er raus, mit all seiner Wut, und ich folgte ihm.
Ich sagte nichts. Ich saß nur da und sah ihm fest in die Augen, seine aber flirrten umher, verwirrt von meinem Blick. Ich glaube, was ihn verwirrte, war die Tatsache, dass ich immer noch den Menschen sah, den ich so gerne mochte, und nicht all die Wut die sich wie ein Panzer um sein sonst so freundliches Gesicht legte. Ich fühlte kein „was ist er nur für ein Mensch“, kein „was kann ich denn jetzt dafür“, kein „was du da machst ist falsch“. Ich verurteilte nicht. Alles, was ich sah, war ihn und das, was ich von seiner Vergangenheit wusste. Alles was ich wollte, war ihn in den Arm zu nehmen und ihm zu sagen, wie leid es mir tut, dass er seiner Jugend beraubt worden war. Dass er jetzt, Jahre später, immer noch den gleichen Schmerz in sich tragen muss wie damals. Es tat mir leid. Es tat mir ehrlich leid ihn so zu sehen. Es war das erste mal für mich, dass ich dieses ehrliche Mitgefühl empfand, ohne zu werten und ohne mich selbst dadurch über jemanden zu stellen.
Und mit einem mal entspannte sich sein Körper, und seine Augen ruhten wieder auf meinen. Er war wieder da. Ich hatte noch immer kein einziges Wort gesagt. Er sah mich mit seinen eigenen, ehrlichen Augen an, und sagte nur: „I’m sorry. I’m so sorry.“

Ich erkannte mit einem mal, dass jeder Schmerz eine ewige Geschichte mit sich trägt. Wenn mir jemand etwas böses tut, dann hat das einen langen Hintergrund. Einen Grund. Und dieser Grund bin bestimmt nicht ich. Menschen, die schreckliche Dinge tun, die andere verletzten und dabei rücksichtslos erscheinen, müssen selbst schreckliches erlebt haben.

Und so erwischte ich mich dabei, wie ich eines Tages an diesen Partner zurückdachte, der mich so hintergangen und verletzt hatte – und wie in mir wieder dieses bekannte Mitgefühl aufstieg. Ich möchte gar nicht wissen, wie viel Schmerz dieser Jemand sein Leben lang mit sich tragen musste, dass der einzige Ausweg für ihn ein Lügenkonstrukt zu sein schien. Jemanden so zu hintergehen bedeutet, dass man selbst sein Leben lang hintergangen wurde – sei es von der eigenen Familie, seinem Umfeld oder der Kultur, in der man aufwuchs. Egal, was es war oder was es ist, es muss schrecklich gewesen sein. Und ganz plötzlich wünschte ich mir insgeheim, er möge doch irgendwann so geliebt werden, dass er all das hinter sich lassen kann. Dass auch für ihn irgendwann alles gut wird. Und da wusste ich, ich hatte endlich vergeben.

Ganz oft lernt man einen neuen Mensch kennen, es entwickelt sich eine Freundschaft oder sogar Liebe – und plötzlich handelt dieser neue Mensch fürchterlich irrational, flippt aus, wird verletzend. Wenn du jemanden wirklich kennenlernst, und nicht nur die Oberfläche, wirst du zwangsläufig auch all den Schmerz kennenlernen, den er in sich trägt. Wahre Liebe aber entsteht dann, wenn man in der Lage ist, hinter diesen Schmerz zu blicken, zu erforschen, wo er herkommt, ohne ihn immer auf sich selbst zu beziehen und damit seinen eigenen Schmerz Nahrung zu geben. Wenn du jemanden ehrlich liebst, sei es Freund oder Partner, ist Mitgefühl alles, was du in solchen Situationen fühlen wirst. Mit Liebe auf Wut und Hass zu antworten hat die Kraft von tausend scheiss Vulkanen – und diese Kraft ist die Essenz, die diese Welt verändert.

heart

 


 

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