Marienkäfer

Marienkäfer

Hab‘ ein Lied auf den Lippen,
eine Melodie im Ohr,
meine Füße, sie wippen,
das gab es selten zuvor,
so ein schöner Moment,
so ein schöner Moment.

Das Abendlicht fällt durch die Bäume auf die Masse an tanzenden Menschen und verpasst dem sowieso schon in allen Farben leuchtenden Dancefloor einen weiteren traumhaften Anstrich. Ich entschließe mich, meinen Teller Kartoffeln nicht inmitten der tanzenden, lauten Meute zu essen sondern mir nebenbei draußen auf dem Zeltplatz den Sonnenuntergang anzusehen. Es ist der erste in vier Tagen, sonst war es immer bewölkt – was uns allerdings ein angenehmes Festival bescherte, ohne Sonnenstich, Sonnenbrand oder zu krassen Temperaturen. Wie perfekt, dass genau heute, am letzten Tag, die Sonne rausgekommen ist.

Die Musik im Rücken setze ich mich kurzerhand irgendwo auf die Wiese. Wie anders das alles hier aussieht, wenn es nicht vollgestellt ist mit Zelten, Pavillons und Autos. Erst jetzt werde ich mir der Größe des Geländes bewusst. Ein einzelner, schiefer Pavillon steht auf der weiten Wiese, darunter ein knutschendes Pärchen. Ein schönes Bild in der Abendsonne, und ich ärgere mich kurz, dass ich meine Kamera im Zelt gelassen habe. Und meinen Pullover, kaum kam die Sonne einmal raus, habe ich sie schon wieder überschätzt, in den Abendstunden wird es ja doch immer recht kühl. Ein paar Meter weiter haben ein paar Leute einiges an Campingzeug liegen gelassen und ich erspähe einen alten, blauen Schlafsack, den ich kurzerhand zu meinem Eigen erkläre, mich darin einwickle und ein Stück an den Beinen zuziehe. Und so sitze ich da, die Musik hinter mir, den Sonnenuntergang vor mir, mit meinem Teller Rosmarienkartoffeln in den Händen und den Schlafsack um mich geschlungen. Wenn man Momente doch nur festhalten könnte.

Ein Junge läuft auf mich zu und lässt sich vor mir auf die Wiese plumpsen. „Willst du mal probieren?“, frage ich, und halte ihm meine Kartoffeln unter die Nase. „Gerne“, antwortet er, und weil ich den Teller sowieso nicht alleine hätte essen können teile ich ihn mit Nils, dem Jungen aus Aachen. Smalltalk braucht hier niemand, man lernt jeden Tag neue Leute kennen und so störe ich mich nicht an seiner Gesellschaft. Wir haben gleich viel zu lachen. „Hast deinen Schlafsack mit hier hingenommen, oder wie?“ nuschelt er mit vollem Mund. „Siehst ein bisschen aus wie… ein blauer Wurm.“ Ich lache und bewege dabei meine Beine, als würde ich wie eine Schlage kriechen wollen. Unser kurzer Lachanfall wird unterbrochen von lautem Motorengeräuschen, und kurze Zeit später rauscht ein Auto an uns vorbei über die weite Wiese. Aus dem geöffneten Beifahrerfenster blickt ein Typ in Richtung des geöffneten Kofferraumes, in dem ebenfalls zwei Jungen sitzen. Erst jetzt erkenne ich, dass der Wagen ein Konstrukt aus Holz und Matratzen zieht, auf dem ein Mädchen in Surferstellung steht und in einem Affenzahn über das Feld brettert. Bei jeder Kurve lässt sie einen lauten Freudenschrei von sich und auch ich gebe einen seltsam freudigen Laut von mir. „Das ist doch nicht ihr ernst! Wie geil ist das denn?“ rufe ich Nils zu während ich mich aus meinem Schlafsack winde und in die Richtung laufe, an dem das Auto zum stehen gekommen ist. Sophie! Natürlich ist es Sophie, die dort hinten auf der Matratze stand, was hatte ich auch erwartet? „Angela, du MUSST das auch machen, das ist so unfassbar geil!“ ruft sie mir schon von weitem zu. Mein Bauch sagt ja, natürlich, sofort, aber mein Kopf, der mir bei allem was auch nur in geringster Weise riskant ist immer dazwischenfunkt lässt mich natürlich wieder zweifeln. Aus dem Musik-Wäldchen kommt mein Kumpel Basti herangestolpert, der die ganze Aktion wohl auch von weitem beobachtet hat: „Darf ich bitte auch?“, fragt er die Jungs im Auto, aufgeregt wie ein kleines Kind. „Klaro“, antwortet einer aus dem Kofferraum, „stehend oder liegend?“
„Oh, man kann sich auch hinlegen?“ Ich werde hellhörig.
„Na klar, kein Ding!“ antwortet der Typ stolz, greift sich ein paar der zusammengeknoteten Holzteile die das Matratzen-Konstrukt halten, baut in Windeseile irgendetwas um und erklärt meinem Kumpel, wie er sich hinlegen muss und wo er sich festhalten kann. In meinem Kopf höre ich meinen Vater, wie er sich über diese viel zu riskante Schnapsidee ärgert. Und dann lege ich mich einfach neben Basti auf die Matratze, greife mit einer Hand das Holzstück zum Festhalten und mit der anderen nach seiner.

Und dann fliegen wir. Das Gras fliegt uns nur so um die Ohren und bei der dritten Linkskurve schreit Basti: „Ey, ich fühl mich wie ein scheiss Marienkäfer!“
Bei diesem Satz muss ich so laut lachen, dass ich das Gefühl habe, mein Brustkorb zerspringt. Und ich lache, und lache, und fliege, und lache und kann gar nicht glauben, was hier gerade passiert.

Momente! Festhalten! Bitte!

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Alle Fotos geschossen mit der La Sardina Lomography