Ich bin Generation Y.

Ich bin Generation Y.

„Dann hast du aber eine Lücke im Lebenslauf“, sagt sie, und sieht mich dabei an als hieße das man würde mir mit einem Messer quer durch’s Gesicht schneiden. Stigmatisiert für den Rest meines Lebens. Als wäre die Narbe der Grand Canyon, der mir den Weg zu Geld, Erfolg und Ansehen versperren würde. Zu all den Dingen, die in dieser Welt doch so erstrebenswert sind.

Viele von euch fragen mich, wie es denn momentan mit meinem Studium aussieht. Meistens antworte ich nichtssagend und kurz – weil ich meistens keine Lust habe mich erklären zu müssen.
„Ich bin jetzt im zehnten Semester – von sieben“, antworte ich, wenn ich außerhalb des Internets darauf angesprochen werde. Die hochgezogenen Augenbrauen meines Gegenübers sagen: „Schon drei Semester überzogen? Prüfungen nicht geschafft oder einfach nur faul?“ Ich erzähle dann, dass ich selbstständig bin und mir deshalb mit meinem Studium Zeit lasse, es aber trotzdem noch beenden werde. Weil man eben nichts ist ohne Bachelor. Und weil ich schon zu weit gekommen bin um jetzt alles stehen und liegen zu lassen.
Die Wahrheit ist: Ich mag mein Studium nicht besonders. Ich habe mit Fotodesign angefangen weil ich damals dachte genau das machen zu wollen, aber schon im 3. Semester merkte ich, dass Generatoren schleppen und hinter der Kamera Anweisungen geben doch nicht mein Ding sind. Ich kann euch nichtmal sagen was in diesen zehn Semestern bei mir hängengeblieben ist – außer vielleicht die Anleitung zum Bauen einer Lochkamera.
Ich habe mich deswegen Jahrelang schlecht gefühlt. Zu sehen, wie meine Kommilitonen im Studium aufgingen und ich Semester für Semester mit einer wachsenden Null-Bock-Stimmung den grauen Betonklotz betrat ließ mich immer mehr an mir selbst zweifeln. „Oh, Fotodesign, das is‘ ja cool!“ – nein, ist es nicht. Was mach‘ ich hier eigentlich? Was, wenn ich gehe – wo will ich dann hin? Ich blieb zu dieser Zeit lange in einer bereits ausgelaugten Beziehung stecken weil ich Angst hatte, ich wäre allein doch Nichts. Ich wusste, dass mein Partner intelligent und erfolgsorientiert ist und insgeheim war er meine Absicherung. Wenn aus mir nichts wird, dachte ich mir, dann habe ich immer noch ihn. Was für ein bescheuerter, selbstsüchtiger Gedanke.

Vor circa einem halben Jahr änderte sich all das schlagartig. Ich war zum ersten Mal eine längere Zeit ohne Partner und konzentrierte mich ganz auf mich selbst und das, was ich am liebsten tat. Jeden Tag sagte ich mir aufs neue: „Do whatever makes you happy„. Ich ließ das Studium noch mehr schleifen als zuvor, kündigte irgendwann sogar meinen Werkstudentenjob, konzentrierte mich auf Menschen, die ich liebte, und auf diese kleine Internetseite, die ich irgendwann Ende 2009 ins Leben gerufen hatte. Und plötzlich lief alles besser. Ich goss das Glas halb voll. Man sagte mir auf einmal ich strahle eine „positive Aura“ aus, und letztens bedankte sich jemand bei mir für die gemeinsame Zeit mit: „Angela, deine Persönlichkeit klingt immernoch bei mir nach“. Alles Dinge, die ich vorher noch nie gehört hatte. Ich glaubte Jahrelang, ich müsse endlich mal lernen auf Leute herabzusehen damit endlich jemand zu mir aufsieht und hasste mich insgeheim dafür, immer die „nette“ zu sein, die sich nicht durchsetzen kann. Heute feiere ich das. Es ist eine großartige Charaktereigenschaft, selbst Menschen, die vielleicht Anfangs mit Vorurteilen auf dich zugehen freundlich zu begegnen.

Ich beschloss also, ab jetzt nie wieder etwas zu tun was mich letztendlich nicht glücklich macht. Ich will kein Arbeitnehmer werden, der nur für’s Wochenende und die wenigen Urlaubstage im Jahr lebt. Jemand, der Montags aufsteht und erstmal „I fucking hate mondays“ auf Instagram postet. Versteht mich nicht falsch – ich verurteile natürlich niemanden, der nine-to-five arbeitet, ich bin nur der Meinung, dass man sich nicht selbst knechten sollte. Wenn du deinen Job gerne machst und hinter dem stehst was du tust ist alles in Ordnung. Ich werkle locker auch acht Stunden am Tag, meistens sogar am Wochenende, und meine Steuererklärung raubt mir jedes Jahr aufs Neue den letzten Nerv – aber ich habe dadurch nicht das Gefühl etwas zu verpassen. Natürlich bereitet mir nicht jeder Aspekt den größtmöglichen Spaß, aber wenn ich weiß, WOFÜR ich das tue – dann ist es nur noch halb so schlimm. Mein Hobby ist mein Beruf geworden und nur weil mir das was ich tue Freue bereitet heißt es nicht, dass es keine Arbeit ist.
Natürlich kann es sein, dass die Blogsache irgendwann nicht mehr so läuft. Aber habe ich mir nicht all das hier selbst beigebracht und aufgebaut? Vielleicht öffnen sich mir dann, wenn es soweit ist, ganz neue Türen – durch die ich nur zu gerne gehen werde.

Ich mache mir immer wieder bewusst, was für ein saumäßiges Glück ich habe bereits mich selbst und meinem Platz im Leben gefunden zu haben. Ich kann mittlerweile von dem, was ich am liebsten tue, tatsächlich gut leben. Ich stehe Montags auf und denke mir „Geil, Montag!“
Ich möchte mir nicht ausmalen wie schwer es sein muss, sein Studium oder seinen Job liegenzulassen um seinen eigenen Weg zu gehen, wie viel Überwindung es kosten muss seine Sicherheiten aufzugeben. Masha ist ein Paradebeispiel für Generation Y: Sie hat ihr Studium geschmissen für ihren Blog – und steht jetzt auf Platz eins der bekanntesten deutschen Modeblogs.  Alix Fassmann hat ihren Job aufgegeben, sich auf einer Olivenplantage in Italien selbst gefunden und letztendlich ein Buch geschrieben. Sie nennt sich einen „Karriereverweigerer“ (ein interessantes Radiointerview mit ihr findet ihr hier).

Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich alles in Frage stelle: Möchte ich einen Arbeitgeber, der mich wegen einer „Lücke im Lebenslauf“ oder einem Tattoo nicht einstellt? Will ich überhaupt Kinder (bei Aussagen wie „Natürlich will ich Kinder, brauche ja eine Altersvorsorge“ kommt’s mir regelmäßig hoch)? Will ich meine Beziehung zu Menschen definieren als „Freundschaft“ oder „In einer Beziehung“? Will ich einen Partner für den Rest meines Lebens – weil das eben die Norm ist – oder zieh‘ ich lieber mit Chrissy in eine Rentner-WG? Will ich lieber glücklich sein und dabei wissen, dass ich vielleicht niemals im Luxus schwelgen werde – oder über Jahrzehnte 40 Stunden die Woche etwas tun, was ich eigentlich scheisse finde?

Eines weiß ich ganz sicher: Ich will, dass es mir immer so gut geht wie in diesem Moment, in dem ich diese Zeilen tippe. Ich will mein leben selbst in die Hand nehmen. Ich will für immer Montags aufstehen und „I fucking love mondays!“ auf Instagram posten.

Ich lächle meinen Gegenüber an und antworte: „Das ist mir egal. Ich will keinen perfekten Lebenslauf, ich will ein für mich perfektes Leben. Ich habe nur das Eine.

Ich bin Generation Y.“

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