Das 141-Euro-Croissant

Das 141-Euro-Croissant

Ich habe vor ein paar Tagen meinen Geldbeutel verloren.

Es muss irgendwann zwischen Croissant-kaufen und klingelndem Handy passiert sein, unten am Sendlinger Tor. Leider war da auch ein bisschen Geld mit drin – heißt: Den seh’ ich nie wieder. Außerdem für immer verloren sind Kassenbelege, Ausweis, Studentenausweis, EC-Karte und das Semesterticket.Der Wiederbeschaffungs-Marathon geht los: EC-Karte sperren, neue Ausweise beantragen, das Semesterticket wieder besorgen, immerhin hat mich das 141 EUR gekostet. Einhunderteinundvierzig Euro zu viel für den Studentengeldbeutel, aber ich will nicht nicht beklagen, wir können ja froh sein, dass es so etwas überhaupt geschafft hat in München. Dank der Abstimmung letztes Jahr dürfen wir Studenten nämlich ab 18 bis 6 Uhr und am Wochenende für nur 60€ pro Semester fahren, für 141 EUR on Top auch tagsüber. Meine Freundin Luisa in Düsseldorf cruised mit ihrem Semesterticket in ganz Nordreinwestfahlen rum, Tag und Nacht, für 150 Öcken. Nichtsdestotrotz: Immerhin.Im MVV-Kundencenter angekommen schildere ich der offenbar recht schlecht gelaunten Ticket-Verkäuferin meine Misere: „Haben sie die Quittung noch?“, unterbricht sie mich, ohne von ihrer 90er Jahre Flimmerkiste hochzusehen. Ich verneine, diese war ja auch im Geldbeutel. Natürlich bin ich auf diese Situation vorbereitet, ziehe einen Kontoauszug vom 4.10.2013 hervor und drücke ihn gegen die Scheibe. Es scheint fast so, als versuche die Dame jegliche Bewegung zu vermeiden. Sie schielt auf den roten Wisch. „Hier“, sage ich, „da steht’s. Ich habe Anfang Oktober mein Ticket bezahlt.“
„Ich brauche die Quittung“, sagt sie unbeeindruckt.
„Ich sagte bereits, die war auch im Geldbeutel. Der Kontoauszug beweist, dass ich das Ticket bezahlt habe“, wiederhole ich. „Ich brauche aber die Quittung“, wiederholt sie. In diesem Moment frage ich mich, wie ich denn den Horizont der MVG-Mitarbeiterin erweitern könnte, ohne unfreundlich zu werden. Ich spreche extra langsam: „Die Quittung benötigen sie als Beweis, dass das Ticket gekauft worden ist. Dieser Kontoauszug ist ein ebenso guter Beweis, dass das Ticket gekauft worden ist.“ Kurz habe ich die Befürchtung, sie würde mich tatsächlich noch einmal um die Quittung bitten, als sie zum Telefon neben sich greift, das Mikrofon ausschaltet und irgendwas in den Hörer quasselt. Wahrscheinlich erzählt sie, dass sie die Quittung braucht. Oder sie ruft bereits die Rotkäppchen mit den Schlagstöcken, um mich des Bahnhofes zu verweisen.
Sie legt auf und betätigt wieder das Knöpfchen am Mikrofon: „Ich habe mit der zuständigen Stelle gesprochen. Leider kann ich dir das Ersatzticket nur geben, wenn du mir die Quittung gibst.“Zwei Minuten später sitze ich mit hochrotem Kopf in der U-Bahn. Welche denn die „zuständige Stelle“ ist konnte sie mir nicht verraten, stattdessen rief sie an meinem Kopf vorbei den Nächsten Kunden zu sich. Dafür hob sie sogar ein bisschen den Oberkörper – und ich fing mir einen bösen Blick, als ich ihr ein „blöde Ziege“ entgegenmurmelte.Ich erinnere mich an den Busfahrer, der mich um zwei Uhr Morgens irgendwo an der Donnersberger Brücke mitten auf der Straße aus dem Bus warf – weil ich nur einen 10€ Schein dabei hatte, er nichts zum wechseln und ich deshalb kein Ticket kaufen konnte. Ich hatte mich nicht beschwert.
Ich erinnere mich an eine U-Bahnfahrerin, die mir den Mittelfinger zeigte. Warum weiß ich bis heute nicht. Ich hatte mich nicht beschwert.
Ich erinnere mich an dreißig Minuten bei zweistelligen Minusgraden an der Bushaltestelle, weil die Anzeige jedes mal von 0 Minuten wieder auf 5 sprang. Ich hab mich nicht beschwert.

Ich entschließe mich dazu, diesmal eine Beschwerde-E-mail zu verfassen. Die Mailadresse hierfür lautet übrigens „lobundtadel@mvg.swm.de“ – ob die dort tatsächlich manchmal Lobeshymnen in ihrem Postfach finden?
Zwei Tage später finde ich eine ausführliche Antwort in meinem: Kundendaten werden wegen dem Verbraucherschutz nicht gespeichert, deshalb kann man auch nur mit Kontoauszug nicht beweisen, dass eben dieses Ticket zu meinem Studentenausweis gehört. Ich überlege fieberhaft. Vielleicht kann ich irgendwie beweisen, dass das Studententicket das einzige im gesamten Ticket-Sortiment ist, welches genau 141 EUR kostet. Ich sehe mich schon wild auf sämtlichen Fahrkartenautomaten tippen, eine Beweisakte anlegen und mit eben dieser wieder zum Verkaufsschalter rennen. Ich könnte die arme Mitarbeiterin in Grund und Boden reden und wahrscheinlich würde mein Sherlock Holmes-Gehabe wieder zu nichts führen. Oder ich starte eine Unterschriftensammlung gegen diesen bescheuerten Verbraucherschutz, den ja sowieso keiner braucht, damit alle Studenten brav ihre Daten speichern lassen. Damit so etwas schreckliches nie wieder passiert.

Und dann, ganz langsam, beschleicht mich das ungute Gefühl, dass es vielleicht auch einfach mal wieder meine eigenen Schusseligkeit war, die mich in diese Misere gebracht hat. Ich weiß doch selber, dass ich nicht Multitasking-fähig bin und meinen Geldbeutel nicht zum ersten mal irgendwo hab liegen lassen. Und warum eigentlich habe ich die Quittung zusammen mit dem Ticket aufbewahrt? Warum ändere ich nicht einfach mal meinen Tic Tac Toe-Klingelton, damit ich nicht immer wieder aus Scham in Panik ausbreche, um „Hey Mr. Wichtig, du tickst ja wohl nicht richtig“ zu beenden?
Bevor ich mich noch bescheuerte fühle entscheide ich mich, dass das Croissant schuld war. Nicht ich, nicht die MVG – es war das Schokocroissant, welches mir versagte logisch zu denken. Ich wurde ge-Schoko-blockt.

340€ würde ich also insgesamt zahlen mit neuem Ticket. Eine Monatsmiete. Vielleicht lass’ ich’s auch einfach bleiben und hoffe, dass ich bis Ende des Semesters „nur“ drei Mal beim Schwarzfahren erwischt werde – dann ist es nämlich immer noch billiger. Aber bereits am nächsten Tag entscheide ich mich für ein neues Ticket und gegen meine innere Danni Lowinski. Ich stecke es in die Hülle meines neuen Studentenausweises (das neue Bild gefällt mir übrigens sehr viel besser als das alte) und verstaue es wieder im Geldbeutel. Auf dem Weg zur Tram laufe ich am Bäcker vorbei, kaufe zwei Schokocroissants und stelle mich am selben Ticketschalter wie vor 4 Tagen wieder an. „Entschuldigung“, sage ich, „ich weiß das mag ihnen nun merkwürdig vorkommen, aber ich habe ihrer Kollegin von gestern etwas mitgebracht.“ Der Mann hinter der Scheibe scheint verwirrt, lächelt aber freundlich. Ich beschreibe ihm kurz wie die Dame aussah und lege die Tüte mit dem Croissant plus einem Zettel auf die Drehscheibe.

Bitte entschuldigen sie, dass ich gestern so unfreundlich war. Sie sind natürlich keine blöde Ziege und können nichts dafür, dass dieses Croissant meine geistigen Fähigkeiten trübte und zum Verlust meines Geldbeutels führte. Falls das Croissant zufällig auch ihre geistigen Fähigkeiten trüben sollte und sie dadurch versehentlich ein neues Semesterticket ohne Quittung für mich drucken, verspreche ich ihnen, einen Monat lang jeden Tag ein Croissant zukommen zu lassen! Falls nicht, gebe ich die Schuld weiter an die MVG – und kann endlich wieder mit reinem Gewissen Croissants verspeisen.

Liebe Grüße – die ohne Quittung.